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sortimenterbrief April 2019

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Das österreichische Branchenmagazin für Buchmarkt, Buchverkauf und Buchwerbung. Ausgabe April 2019

story.one im april Eine

story.one im april Eine story.one Geschichte von Ossi Hejlek Das Unglück sieht alles! 6.30 Uhr, Sonntag – Zweiter Advent. Ich stehe an der Whatelse, erwarte mehr süchtig als sehn meinen Espresso. Da trappelt es hinter mir. Schlaftrunken an seinen noch mehr im Drüben sich befindlichen Augen ribbelnd, steht er Liebe versprühend da – mein Sohn, Luca. Bevor es zur rituellen Morgenumarmung kommt, entsorgt er noch schnell die in seinen Armen befindlichen Stofftiere und weitere Wichtigkeiten, die er am Abend ins Bett mitnimmt, um sie am Morgen wieder der Allgemeinheit im Wohnzimmer zuteilwerden zu lassen. Er ist wahnsinnig freizügig. „Papi, welches Säckchen darf ich heute aufmachen“, fragt er – zielstrebig zum Adventkalender stolpernd. „Den Neuner“, murmel ich, wenig erfreut über die unerwartete Morgengesellschaft. Setze mir den ersten Schuss Koffein, während ich langsam erwachend durchs Küchenfenster ins winterliche Nichts starre. Etwas drängt mich dazu, mich intuitiv umzudrehen. „Luca – nein!“ rufe ich, „nicht drei Säckchen im Voraus öffnen. Das bringt Unglück!“ Liebevoll und ahnungslos, was damit gemeint sei, blickt er mich mit seinen von Klimperwimpern umrandeten Kulleraugen an, „Unglück, Papi? Was ist das?“ Im Gegensatz zu Luca weiß ich sehr wohl, was Unglück bedeutet, denn meine Großmama beherrschte es, mir von selbigem pausenlos zu erzählen und mich vor ihm eindrucksvoll zu warnen. „Wenn es an der Türe klopft, du sie öffnest, und niemand steht draußen, dann lässt du den Tod herein“, war einer ihrer Gänsehaut-Klassiker. „Öffnest du ein Türchen des Adventkalenders im Vorhinein, wird ein Familienmitglied sterben“, ein weiterer. Nasse Wäsche über den Jahreswechsel am Wäscheständer – Tod. Kerzen am Adventkranz in der falschen Reihenfolge anzünden – Tod. Meine Großmama wollte mir nicht Angst machen. Sie glaubte daran. Als es wieder einmal Advent war – ich muss so um die zehn Jahre alt gewesen sein – galoppierte mir die Gier nach Schokolade durch den Sinn – und ich hinterher. Das brachte mich dazu, gleich sechs Adventkalender-Türchen im Vorhinein zu öffnen. Niemand hatte mich dabei gesehen, niemand würde es bemerken – sorgfältig schloss ich die Türchen nach dem Verzehr. Alles gut. Weit gefehlt – denn das Unglück sieht alles! Ich hätte mit meiner Tat die unseligen Warnungen der Großmama als berechtigt unter Beweis stellen und ihre Familienehre retten können, denn zwei Wochen später – vier Tage vor Weihnachten – wurde sie feierlich beerdigt. Doch bis zum heutigen Tage weiß niemand, dass ich es war. Und das soll auch so bleiben. * * * 20 sortimenterbrief 03/19

story.one im april © stefanjoham.com www.story.one Mit Kindern einkaufen zu gehen ist selten lustig. Sobald sie den Einkaufswagen verlassen können, sind sie ständige Unruheherde und eiskalte Candynapper. Adrian war so weit. Er schlängelt seinen Körper elegant durch die Gänge, rechts die Chips, links das Brot, und über uns das zitternde Neonlicht. Wir waren inmitten eines Lebensmitteldiskonters. Der souverän lächelnde Vater lässt seinen Sohn von der Leine, schenkt ihm seine Freiheit und macht ihn so zu einem mündigen Konsumenten. Aus dem Augenwickel beobachte ich ihn selbstverständlich, das hier ist kein Spielplatz, das ist die Realität. Hier gibt es Vorschriften, hier gibt es Regeln, hier gibt es Einkaufslisten. Ich verzichte auf diese peinliche Schrulligkeit, ich weiß, was wir brauchen. Wie üblich habe ich einen Einkaufswagen erwischt, der nach links zieht. Die Hälfte der Räder eiern, und den Euro krieg ich vermutlich nie wieder aus dem zerschundenen Schlitz. Aber ich bin nicht zum Jammern da, beim Einkaufen zählt die Effektivität. Ohne anzuhalten lade ich unseren Gemüse- Standard ein, kontrolliere oberflächlich auf Gedeih oder Verderb, passiere das Weinsortiment und tänzle in Richtung Kühlregal. Beim Lactose-Corner treffe ich auf einen Bekannten aus der Kategorie Smalltalk, wir verfrachten Colon-Booster und andere bunte Becher in die silbernen Käfige, reden über unsere Kinder und ich bemerke, dass meines nicht mehr da ist. Erinnerungen an einen vergangenen Thermen-Zwischenfall werden wach und das Nebennierenmark jagt einen Adrenalin-Mob durch meine Blutbahn. Eine story.one Geschichte von Thomas Vitzthum Darf ich einen Kaugummi? Plötzlich ist der Supermarkt so groß, die Gänge haben Abkürzungen und Hohlwege, und dazu diese telefonierenden Menschenmassen, die ihre unvollständigen Einkauflisten updaten. Adrian kann ja überall sein, vielleicht versteckt er sich hinter einer Orangenpyramide, oder er brütet Überraschungseier aus, die unter seiner Last zusammenbrechen ? Oder er hat einen Bekannten aus der Kategorie Urvertrauen getroffen und sie genehmigen sich einen Energy-Drink auf Kosten des Hauses? Langsam werde ich unruhig. Als ich hektisch um eine Ecke luchse, sehe ich ein auf dem Boden liegendes Kind. Die Grundfarbe weiß für Kinderbekleidung ist prinzipiell problematisch. Egal ob der Träger introoder extrovertiert ist. Adrian hat es sich neben einer Palette mit Kristallzucker gemütlich gemacht. Irgendein Unfähiger hat vermutlich mit einem nach links ziehenden Einkaufswagen ein Leck in ein paar Packungen Zucker geschlagen und mein Sohn lässt sich glücklich grinsend berieseln. Ich helfe ihm auf, entferne oberflächlich das Crystal Z., bemerke seine erweiterteten Pupillen und setze den Junkie in den Einkaufswagen. In der Warteschlange vor der Kassa treffe ich wieder auf meinen Bekannten der lächelnd mein karamellisiertes Kind begrüßt. Adrian grüßt ja prinzipiell nicht, stattdessen fragt er mich, ob er einen Kaugummi dürfe. Ich negiere, bezahle und wir eiern würdevoll zum Parkplatz. * * * 21


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