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sortimenterbrief April 2020

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Das österreichische Branchenmagazin für Buchmarkt, Buchverkauf und Buchwerbung. Ausgabe April 2020.

schwerpunkt gesundheit

schwerpunkt gesundheit interview © Britta Althausen © nahdran Prof. Dr. med. Dr. h.c. Vera Regitz-Zagrosek (li) gilt als Pionierin der geschlechtersensiblen Medizin in Deutschland. Seit 2007 ist sie Direktorin des Instituts für Geschlechterforschung in der Medizin an der Berliner Charité. Zurzeit ist sie Gastprofessorin der Universität Zürich. Ossi Hejlek im Gespräch mit Vera Regitz-Zagrosek und Stefanie Schmid-Altringer »Männer und Frauen sind biologisch anders. Das müssen wir bei der Behandlung berücksichtigen.« Großartig, wie gut es Ihnen gelungen ist, die Thematik so ansprechend und verständlich aufzubereiten. Regitz-Zagrosek: Es war uns wichtig, dass die Gendermedizin in unserem Buch nicht zum üblichen Männer- Frauen-Ping-Pong wird. Wir haben das Thema leicht aufbereitet – mit Zusammenfassungen am Ende des Kapitels oder „Hättest du das gewusst“- Hinweisen, mit denen wir die Leser auch überraschen. Es ist ein Buch geworden, das praktisch nutzbar und leicht lesbar ist. Wie haben Sie sich die Arbeit bei der Entstehung des Buches aufgeteilt? Schmid-Altringer: Der Scorpio Verlag ist auf mich zugekommen und hat mir das Projekt vorgeschlagen. Ich war die erste Journalistin in Deutschland, die zu diesem Thema bereits vor 20 Jahren publizierte – damals für den WDR. Ich machte auch den ersten Film zum Thema „Herzinfarkt bei Frauen“. Zusammen mit dem Scorpio Verlag lud ich dann Frau Regitz-Zagrosek – die ja Forscherin und Mitbegründerin der Gendermedizin in Deutschland ist – dazu ein, das Projekt gemeinsam mit mir zu realisieren. Wir beschlossen, uns dem Thema von zwei Perspektiven zu nähern. Ich bin Ärztin und Wissenschaftsjournalistin mit Schwerpunkt Frauengesundheit und entwickle seit fast zehn Jahren innovative Dr. med. Stefanie Schmid- Altringer (re), Ärztin im Bereich Gynäkologie und Geburtshilfe, ist seit 1999 als freiberufliche Wissenschaftsjournalistin, Expertin und Buchautorin tätig. Mit dem Themenschwerpunkt Frauengesundheit produzierte sie zahlreiche TV-Dokumentationen und Bücher. Seit 2011 entwickelt sie partizipative Gesundheitsformate zu Schwangerschaft und Geburt wie die Erzählcafé-Aktion. Gesundheitsformate, beispielsweise die Erzählcafé-Aktion für Schwangerschaft und Geburt – ein Mitmachprojekt, das mittlerweile drei Länder umfasst. Hier entsteht durch das Gespräch miteinander eine neue Art von Gesundheit. Frau Regitz-Zagrosek, als Kardiologin mit Schwerpunkt Herzerkrankungen, hat ihr Leben dem Thema Gendermedizin auf der akademisch-wissenschaftlichen Ebene gewidmet. Sie setzt sich auch sehr im Bereich der Ärztinnen-Ausbildung ein. Unsere beiden Richtungen spiegeln sich auch im Buch wider – nämlich durch die beiden praktischen Hauptbereiche. Wo sonst gerne Theorie und Praxis getrennt werden, haben wir auch die theoretischen Ansätze schon sehr praxisnahe aufbereitet, damit die Leser verstehen, was man konkret tun kann. Regitz-Zagrosek: Der zweite Praxisteil, dem ich mich speziell widmete, präsentiert die einzelnen Krankheitsbilder, zu denen man jeweils Informationen aus der Forschung sowie relevante Tipps und Hinweise erhält. Als eine Art Übergang zwischen den Bereichen haben wir den Doc-Talk platziert, in dem wir beide unsere Perspektiven deutlich 22 sortimenterbrief 4/20

schwerpunkt gesundheit interview machen. Im Wesentlichen hat jeder von uns seine Hälfte geschrieben. Im Anschluss haben wir es gegengelesen, diskutiert und optimiert. Es war eine wunderbare Zusammenarbeit. Warum entwickeln Männer und Frauen unterschiedliche Krankheiten? Regitz-Zagrosek: Die Gendermedizin berücksichtigt biologische Unterschiede und zugleich die psychosoziale Komponente. Erst diese Kombination ermöglicht wirkliche, tiefe Gesundheit. Gender hat nichts mit Feminismus zu tun. Davon profitieren die Männer in gleichem Ausmaß. Schmid-Altringer: Frauen unterscheiden sich von ihrer biologischen Grundvoraussetzung her von Männern, und sie sind zugleich auch in ihrem Frausein anders geworden. Das macht die Komplexität des Themas aus. Man muss somit auch hinter die Fassaden der Biologie schauen. Viele Unterschiede liegen auch in den verschiedenen Perspektiven – oft hindert uns das eigene Bild im Kopf daran, gesund zu sein. Beispielsweise scheuen Frauen ein muskuläres Krafttraining im Fitnessstudio, würden aber genau dieses für die Jahre benötigen, die sie statistisch länger leben als Männer, um klassischen Krankheitsbildern des hohen Alters – wie beispielweise Osteoporose – vorzubeugen. Im Grunde genommen ist der Bedarf ja in beiden Richtungen vorhanden ... Regitz-Zagrosek: Absolut. Wir haben jetzt einmal mit den Frauen begonnen. Wie ist es eigentlich aktuell – im Alltag – um die Gendermedizin bestellt? Regitz-Zagrosek: Seit vielen Jahren geht die Forschung in diesem Bereich regelrecht mit Siebenmeilenstiefeln voran. Wir haben dadurch mittlerweile ein großes diesbezügliches Wissen generiert. Dennoch kommt es in der Medizinstruktur, in den Ausbildungen, im Pflegebereich, in Ambulanzen oder Erste-Hilfe-Kursen nicht an. Denken wir beispielsweise an Herzinfarkte, an denen viel, viel mehr Frauen versterben, weil sie nicht richtig behandelt werden. Das liegt unter Umständen auch an zu hohen Medikationen, weil vieles hauptsächlich an Männern getestet wurde. Der Stoffwechsel ist bei Frauen ein anderer, Hormone nehmen Einfluss auf die Wirkstoffe und deren Abbau ... Darauf muss besonderes Augenmerk gelegt werden. Ihr Buch soll also auch Öffentlichkeit schaffen für Veränderungen im System? Schmid-Altringer: Die Gendermedizin hat das Potenzial einer Gesundheitsrevolution. Aber man kann nicht darauf warten, bis sie uns auf dem Silbertablett serviert wird. Da sind auch die Patienten gefragt – Frauen wie Männer –, die sie einfordern und aktiv umsetzen müssen. Das ist natürlich nicht leicht. Alles beginnt beim eigenen Denken – bei der Veränderung des inneren Dialogs. Ein Bereich, bei dem gerade Frauen schnell in eine Selbst-Depression verfallen, sich auf die Verliererseite stellen bzw. denken. Frauen haben übrigens öfter Depressionen als Männer. Zwar hat die Frauenbewegung eine Gleichberechtigung eingefordert, aber die Frau 2.0 bekommt noch immer eine ungleiche medizinische Behandlung. Das ist der Knackpunkt! Wie sieht es bei der Prävention aus? Schmid-Altringer: Frauen sind Angstbotschaften viel zugänglicher als Männer. Grundsätzlich gehört zur Prävention, für sich selbst herauszufinden, wann einem etwas gut tut – abgestimmt auf die jeweilige Lebenssituation. So werden beispielsweise nach Krankheiten Reha- Aufenthalte von Frauen weniger stark in Anspruch genommen, weil sie denken, dass sie die Familie ohnedies durch ihren Krankenhausaufenthalt schon genug gefordert hätten ... Also ist der psychologische Faktor der fehlende, einzufordernde? Schmid-Altringer: Das ist einer von vielen Schlüsseln, die wir nutzen könnten. Wer das Buch liest, kann damit in diesem Punkt gut arbeiten. Wer seine Haltung und sein Verhalten ändert, kann über lange Sicht auch genetische Veränderungen herbeiführen, die sich auf Folgegenerationen auswirken. Damit hätten wir den nächsten Schlüssel ... Wie sieht es mit der Motivation aus, die für Veränderungen notwendig ist? Schmid-Altringer: Die Motivation alleine reicht nicht aus – es braucht auch Willenskraft. Die habe ich nur, wenn etwas für mich Sinn ergibt, wenn etwas mit einem spürbaren Gewinn verbunden ist. Hier haben wir im Buch u. a. das MoVo-Konzept der Uni Freiburg als Leitfaden präsentiert. Ein Wunsch für die Zukunft? Schmid-Altringer: Moderne Medizin muss Entscheidungsfindungen im Konsens zwischen Medizinern und Patienten möglich machen – im Dialog und genderspezifisch. Danke für das Gespräch! Vera Regitz-Zagrosek, Stefanie Schmid-Altringer GenDeRMeDiZin Warum Frauen eine andere Medizin brauchen 280 Seiten, zweifarbig mit Infografiken und Illustrationen, Hardcover, 978-3-95803-250-7 € 22,70 | Scorpio Verlag sortimenterbrief 4/20 23


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