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sortimenterbrief Jänner 2020

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Das österreichische Branchenmagazin für Buchmarkt, Buchverkauf und Buchwerbung. Ausgabe Januar 2020.

© Gaby Gerster Kleis:

© Gaby Gerster Kleis: Die eine tippt, die andere diktiert ... Nein, im Ernst – wir überlegen uns gemeinsam ein Konzept und eine Kapitelaufteilung – die möglichst durch zwei teilbar ist. Dann suchen wir uns unsere „Neigungsfächer“ aus und schreiben – vorerst getrennt voneinander – daheim. Gegen Ende fahren wir dann oft noch mal gemeinsam weg, um unseren „Ertrag“ zu überarbeiten. Gern in sonnige Gegenden. Das selbstverständlich nur, um besser schreiben zu können. Das sagen wir auch unseren Familien, nur damit die nicht denken, das hätte irgendwas mit Urlaub oder Spaß zu tun ... Was ist, wenn Sie einmal nicht einer Meinung sind? Bei einem Thema wie „Weltretten“ wären Sie nicht die ersten, die darüber in Streit geraten…. Fröhlich: Ehrlich gesagt, wir haben uns noch nie gestritten. Im Großen und Ganzen sind wir eigentlich allermeistens einer Meinung. »Gerade beim Weltretten braucht man eine Menge Humor« Ossi Hejlek im Gespräch mit Susanne Fröhlich und Constanze Kleis Was war Ihre Intention das Buch zu schreiben? Fröhlich: Schuld ist ein Test im Internet, wo wir unseren ökologischen Fußabdruck ermittelt hatten. Wie alle, dachten wir natürlich, dass es so schlimm ja gar nicht sein kann. Ist es aber. Somit war klar, dass nicht mehr „sich“, sondern wir etwas ändern müssen. Aber wir sind nicht mehr zwanzig und können also nicht wie unsere Kinder einfach ein leeres Blatt Papier mit einem nachhaltigen, völlig unverpackten Leben neu beschreiben. Wir wollten also wissen: wie schafft man Veränderungen in einem prallvollen Alltag? Mit sicher mehr als den 10.000 Sachen, die jeder Deutsche angeblich durchschnittlich besitzt? Mit Männern, die sehr weinen, wenn man ihnen sagt: „Heute kein Schwenksteak! Das ist nicht gut für dich und auch nicht für die Umwelt!“ Sie haben ja bereits mehrere erfolgreiche Bücher gemeinsam geschrieben. Wie macht man das – gemeinsam schreiben? Kleis: Auch darüber, dass wir beide leider auch ein ausgeprägtes Klugscheißergen haben. Das tragen wir allerdings eher mit Wetten um Restaurantbesuche aus. Fröhlich: Gut, man könnte nun auf der Waage feststellen, wer häufiger verliert ... Im Text taucht „nur“ ein gemeinschaftliches ICH auf – geht die Symbiose schon so weit? Kleis: Das ist dem Lesefluss geschuldet. Wir finden es beide sehr störend, wenn man sich in jedem Kapitel in eine neue Person einarbeiten und etwa erklären muss, an welchem Schienbein genau das blutige Gemetzel mit dem umweltfreundlichen Hobel stattfand und wessen Onkel der mit der antiquarischen Konservendosensammlung war. Zum Glück sind wir uns auch stilistisch sehr nahe. Nicht mal unsere Lektorin weiß genau, wer was geschrieben hat. Nur, dass eine von uns mehr Komma-, die andere mehr Rechtschreibfehler macht. Kann man wichtige Themen – in Humorwatte verpackt – besser unter die Menschen bringen? Fröhlich: Gerade beim Weltretten 12 sortimenterbrief 1/20

aucht man schon eine Menge Humor, um den Kopf oben zu behalten. Dauernd landet man in Fettnäpfchen oder in absurden Situationen. Etwa wenn ich im Bad tapfer auf meinen Zahnputztabletten herumkaue, während gerade der Amazonas abbrennt. Kleis: Man muss sich schon häufig entscheiden: heulen oder lachen. Wir sind eigentlich meistens für Letzteres. Humor ist so etwas wie der letzte Rettungsring auf der Titanic. Er hilft beim Durchhalten und sorgt auch dafür, dass man nicht in Ohnmachtsgefühlen versinkt. Gerade wenn das angesichts all der Katastrophenmeldungen zum Klima so verführerisch nahe liegt. Wo sehen Sie die großen Probleme unserer Zeit? Fröhlich: Bei uns selbst. Alle wollen – das ist statistisch belegt – dass sich etwas ändert. Jeder versteht, wie dringend notwendig das ist. Erstmal sollen aber die anderen ran: die Chinesen, die SUV- Fahrer, die Kreuzfahrt-Urlauber. Fröhlich: Wenn auch nur die Hälfte stimmt – was ich leider kaum mehr glauben mag – bleibt immer noch mehr als genug Handlungsbedarf. Natürlich ist es auch insofern ein unbequemes Thema, weil man sich schon sehr viel mehr in jeden Bereich einarbeiten muss. In den Einkauf, den Hausputz, sogar ins Streamen. Aber letztlich hat es noch nie geschadet, etwas mehr nachzudenken. Am Ende stimmt vor allem, was der großartige Marc-Uwe Kling gesagt hat: „Wenn wir dann in 50 Jahren feststellen würden, dass sich alle Wissenschaftler doch vertan haben und es gar keine Klimaerwärmung gibt, dann hätten wir völlig ohne Grund dafür gesorgt, dass man selbst in den Städten die Luft wieder atmen kann, dass die Flüsse nicht mehr giftig sind, dass Autos weder Krach machen noch stinken und dass wir nicht mehr abhängig sind von Diktatoren und deren Ölvorkommen. Da würden wir uns schön ärgern.“ novitäteninterview Was kann jeder einzelne Erdenbürger im Kleinen tun? Wo sollte man beginnen? Fröhlich: Das ist der für uns beide vielleicht größte Erkenntnisgewinn: Dass jeder etwas tun kann. Dass es immer besser ist, es wenigstens versucht zu haben, als gleich das Handtuch zu werfen. Oder trotzig zu sagen, dass man nun gerade innerdeutsch fliegt oder sich ein saftiges Steak schmecken lässt oder seine Mails alle ausdruckt. In jeder Kleinigkeit zeigt sich ja auch eine Haltung, dass einem das Problem bewusst ist – dass man bereit ist, etwas zu ändern. Auch nach der Devise: Irgendwo muss man ja mal anfangen. Und zwar pronto! Es ist halt nicht sehr sexy, Verzicht zu predigen ... © Gaby Gerster Kleis: Dieses „was ist eigentlich mit den anderen ...“ funktioniert wie unser emotionaler Notausgang aus der Verantwortung. Einer, durch den sich auch die Spitzen von Politik und Wirtschaft verdrücken. Nicht zu vergessen, diese unglaubliche Bequemlichkeit, zu der wir uns – auch vom Plastik, vom Billigkonsum und von der Idee – haben verführen lassen, dass uns alles und zwar pronto zusteht. Ständig erreichen uns Horrormeldungen, wie es um unseren Planeten bestellt ist. Was stimmt – wonach richten Sie sich? Kleis: Nach der Vernunft. Ich habe auf einer Fridays-for-Future-Demo auf einem Transparent gelesen „Alle Katastrophenfilme beginnen damit, dass die Politik nicht auf die Wissenschaft hören will“. Da ist was dran. sortimenterbrief 1/20


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