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sortimenterbrief Jänner 2020

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Das österreichische Branchenmagazin für Buchmarkt, Buchverkauf und Buchwerbung. Ausgabe Januar 2020.

novitäteninterview

novitäteninterview Sonderthema-Krimis & Thriller Ossi Hejlek im Gespräch mit Loewe-Verleger Christoph Gondrom »Goodbye, Textwüste! Unsere Antwort auf die geänderten Lesegewohnheiten ist LOEWE WOW!« Medienkonkurrenz, sich ändernde Lesegewohnheiten, Leserschwund: Um diesen Entwicklungen zu begegnen startet Loewe im Frühjahr 2020 ein einzigartiges Buchprogramm. LOEWE WOW! kommt mit einer neuartigen und radikal anderen Text-Bild-Gestaltung daher. Was war der Ausgangspunkt, der Sie zur Konzeption dieses Projektes animierte? Gondrom: Im Zentrum stand die Studie des Börsenvereins, die einen deutlichen Schwund der Buchkäufer attestierte. Das brachte uns zum Nachdenken. Als Antwort darauf mehr Marketing 48 für das Buch zu machen ist schon gut – doch aus unserer Sicht zu wenig. Für uns ist die Digitalisierung der Auslöser des Problems. Nämlich insofern, als dass der Medienkonsum sich dadurch geändert hat und fortschreitend ändert. Der Digitalkonsum der Kinder am Smartphone wird immer mehr – bis hin zu extremem Konsum von YouTube und Netflix im Bereich der Jugendlichen. Dadurch können sich die Kinder nicht mehr auf längere Texte konzentrieren. Die Folge ist, dass das Lesen als mühsam und dadurch unattraktiv empfunden wird. Im Zuge eines Seminars wurde eine Aussage in den Raum gestellt, die unsere Herangehensweise nachhaltig veränderte: „Kinder, die nicht lesen, sind nicht dumm. Deren Gehirne werden tagein, tagaus mit Informationen bombardiert – und zwar mehr als jemals zuvor. Daher entwickeln deren Gehirne Strategien, um dieser Flut Herr zu werden – das Gehirn filtert stärker. Das bedingt neue Herangehensweisen der Text-Bild-Gestaltung.“ Lesen Kinder und Jugendliche weniger? Gondrom: Das denkt man. Tatsächlich wird aber mehr Text konsumiert als jemals zuvor. Die Jugendlichen telefonieren auch kaum noch, sie senden sortimenterbrief 1/20

novitäteninterview einander Textnachrichten. Auch das führt zu erheblichen Veränderungen. Alle Erkenntnisse führten zu dem Ergebnis, dass wir sagten, wir müssen uns als Verlag selbst an der Nase fassen und die Bücher anders machen. Wir können nicht den Zeitgeist verändern! Anders machen, aber wie? Gondrom: Geht man in irgendein Verlagsarchiv und zieht ein Buch aus den 80er Jahren heraus, würde man sagen, das ist eine Textwüste. In den 90ern dasselbe – vielleicht mit etwas mehr Durchschuss. Und so weiter ... Wir Verlage haben Jahrzehnte lang unsere Produkte nur in Mikroschritten verändert – der Veränderung des Leseverhaltens angepasst. 2009 kam dann das iPhone und die Veränderungsdynamik bei den Kindern explodierte regelrecht. Wir schätzen, dass 90 % der sich am Markt befindlichen Bücher der Entwicklung hinterherhinkt. Es gilt also, das Text-Bild- Verhältnis radikal anders zu gestalten, um die Kinder und Jugendlichen wieder zu erreichen und fürs Bücherlesen zu begeistern. Sie wollen aber nicht nur die Nichtleser begeistern ...? Gondrom: Nein. Darauf legen wir Wert. Wir haben relativ früh gesagt, dass LOEWE WOW! nicht für Nicht- oder Wenigleser konzipiert ist, sondern für alle Kinder. Ja, es gibt die Kinder, die in wenigen Tagen auch heute noch 600-Seiten-Bücher lesen – aber auch die sind von den Veränderungen betroffen. Also ist Ihr Ziel? Gondrom: Dass ein Kind eines der Bücher aufschlägt und sich denkt, wow – das ist aber cool! Das kann ich schaffen. Das will ich lesen. Unsere Daumenregel ist 90 % Bild, 10 % Text. Es war ein jahrelanger Prozess – mit Höhen und Tiefen – den strategischen Überbau zu finden. Heute sind wir sehr stolz auf das Ergebnis. Die vier Bücher aus dem Startprogramm sind für die Altersstufen: ab sieben, ab acht, ab neun und ab zehn Jahren. Im Herbst 2020 werden sechs Titel erscheinen, im Frühjahr darauf acht Novitäten. Es kommt dann auch noch die Erstleserzielgruppe ab sechs Jahren dazu sowie der Bereich der Jugendlichen ab zwölf. Sind die Bücher alle Eigenproduktionen? Gondrom: Im Startprogramm ist eine Lizenz dabei. Ursprünglich dachten wir, dass wir das Programm mit Lizenzen stemmen könnten. Doch wir erkannten rasch, dass es zwar Ansätze gibt, jedoch die Tiefe mit der von uns angestrebten radikalen Ausprägung nicht am Markt ist. Einen Titel haben wir in Australien gefunden: Knallharte Tauben. Es ist uns auch wichtig, dass wir uns vom Comic abgrenzen. Wir haben daher einen Gestaltungsstil entwickelt, der ohne Sprechblasen auskommt – weitestgehend. Für die ganz Kleinen sind die Bücher auch farbig, um den Übergang vom Bilderbuch angenehmer zu gestalten. Gibt es schon Rückmeldungen aus dem Handel? Gondrom: Wir haben einen antizyklischen Leseexemplar-Versand gemacht. Parallel zeigten wir die Bücher erstmalig in Frankfurt. Mittlerweile haben wir schon sehr beachtliche Startauflagen im Handel platziert und erhielten äußerst positive Rückmeldungen. Das stimmt uns zuversichtlich. Natürlich sind wir etwas nervös – wir haben viel investiert – unser Herz hängt an diesem Projekt. Haben Sie auch externe Experten bei der Entwicklung herangezogen? Gondrom: Es gibt Wissenschaftler, die klar sagen, dass sich die Sprache durch die Verwendung von Text und Emojis in eine hieroglyphenartige Sprache entwickelt. Emojis sind kein Beiwerk mehr zu Texten – sie spiegeln direkt den Inhalt wider. Text und Bild werden beim Kommunizieren als Einheit begriffen. Das ist auch unser Ansatz. Dadurch wird auch eine neue Art des Erzählens generiert. Schafft man dann den Übergang irgendwann von diesem bildlastigen Stil in eine Textwelt? Gondrom: Wir versuchen im Verlag bei jedem Buch das Layout moderner zu gestalten. Der könnte die hässliche Katze bestimmt vertreiben. Oder ein Wildschwein? Oder ein Elefant? Auch wenn der bestimmt auf dem Dachboden keinen Platz finden würde! schreit jemand über ihm. Ein Eichhörnchen klettert flink über den Baumstamm. Kurz bevor die Nuss in die Tiefe fällt, bekommt das Eichhörnchen sie in die Pfoten. Dann starrt es Vincent an., Gerade als Vincent die hässliche Katze schon fast vergessen hat, plumpst ihm eine große Haselnuss auf die Krallen. Beinahe hätte Vincent seinen Ast losgelassen. Wer war denn das? 66 sortimenterbrief 1/20 49


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