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sortimenterbrief Jänner 2022

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Das österreichische Branchenmagazin für Buchmarkt, Buchverkauf und Buchwerbung. Ausgabe Januar 2022.

ein verblüffendes

ein verblüffendes kapitel aus der bücherwelt Wie es drei tollkühnen Verlegern während des »Dritten Reiches« gelang, die Deutschen unzensiert mit angelsächsischer Literatur zu versorgen mit freundlicher Genehmigung der Collection von Alastair Jollans Leseprobe Im Juni 1941 marschierte Willy Hoffman in deutschem Sonderauftrag durch Paris. Sein Weg führte ihn an eine wuchtige Doppeltür in der Rue Chanoinesse Nummer 12, einer der feinsten Adressen von Paris auf der Île de la Cité in der Seine. Als Hoffman die beiden Türflügel mit ihren üppigen Schnitzereien in Form von rechteckigen Schilden und Bogen antiker römischer Brustharnische aufstieß, betrat er eine andere Epoche, eine Zeit lange vor den Hakenkreuzfahnen über Paris. Hinter der Einfahrt, durch die ihrer Breite und Höhe nach ein Pferdegespann gepasst hätte, erwartete ihn ein mittelalterlicher Innenhof mit einem verzierten Steinbrunnen aus den frühesten Tagen der Stadt. An der gegenüberliegenden Seite des Hofes fand Hoffman, was er suchte: das verwaiste Büro der Albatross Press, eines weithin bekannten und angesehenen Verlages, der seit 1932 britische und amerikanische Taschenbücher in englischer Sprache auf dem europäischen Kontinent verkaufte. Hoffman war kein Soldat, sondern Beamter. Als studierter Jurist arbeitete er in Paris auf Weisung des Reichskommissars für die Behandlung feindlichen Vermögens. Seit die Wehrmacht ein Jahr zuvor den Norden und Westen Frankreichs besetzt Umschlag von The Albatross Book of Short Stories hatte, sandte der Reichskommissar in Berlin deutsche Prokuristen aus, um dafür zu sorgen, dass französische, jüdische und feindliche Unternehmen im Sinne des Deutschen Reichs arbeiteten. Hoffman gehörte zu einer ganzen Legion von »Verwaltern feindlichen Vermögens«. Doch als er vor Albatross’ Toren stand, wusste er bereits, dass es sich bei diesem Unternehmen um einen Sonderfall handelte. Obwohl der Verlag Bücher in englischer Sprache herausgab, war er formell ein deutsches Unternehmen und als Albatross Verlag im deutschen Handelsregister eingetragen. Derselbe Albatross Verlag unterhielt seit den frühen Dreißigerjahren ein Büro in Paris, das als Vorposten näher an London und New York lag und sich somit besser eignete, um britische und amerikanische Autoren für die beliebte Albatross Modern Continental Library zu umwerben. Albatross’ länderübergreifende Verbindungen erregten Argwohn unter den Bürokraten des NS-Staates, und das nicht ohne Grund. Vom Oberfinanzpräsidenten in Leipzig wusste Hoffman, dass der Albatross Verlag bis zum Ausbruch des Krieges Monat für Monat erkleckliche Summen aus Deutschland nach Paris überwiesen hatte. Ausgestattet mit dieser Information ging Hoffman an die Erfüllung seines eng umrissenen Auftrags: festzustellen, ob Albatross diese Gelder widerrechtlich aus Deutschland abgezogen hatte und ob sich das Deutsche Reich gegebenenfalls schadlos halten konnte. Wie Hoffman bald merkte, erforderte die Lösung dieser Aufgabe jede Menge Spürsinn und Schnüffelei. Er wusste, dass der Chef des französischen Albatross-Büros ein gewisser John Holroyd- Reece war. Davon abgesehen, halfen ihm die deutschen Nachrichtendienste kaum weiter. Der Leiter der Propaganda- Staffel in Paris beschränkte sich auf vage Andeutungen: »Eine in ihrem Anfang nicht genau übersehbare Rolle spielt im Hause Albatross ein gewisser Holroyd- Reece«, und diesem unterstünden etliche »Korrespondenzunternehmen«. Doch »der genaue Einfluß und die Verzahnung konnte noch nicht festgestellt werden«. Auskünfte von anderer Stelle über Holroyd-Reece – deutsche Propagandastellen in Paris betitelten ihn mit »übel beleumdeter deutscher Emigrant« und Leiter »einer ausländischen Judenclique« – waren nicht eben sachdienlich. Holroyd-Reece selbst konnte Hoffman nicht fragen. Er war vor dem Einmarsch der Wehrmacht aus Paris geflohen. Nicht nur Holroyd-Reece, sondern auch Albatross hüllte sich in Rätsel. Obwohl der Verlag seinen Sitz in Deutschland hatte, wurde er über eine Luxemburger Dachgesellschaft hauptsächlich mit britisch-jüdischem Geld finanziert. Einige Monate nach Ausbruch des Krieges im September 1939 hatte der Reichskommissar dieses Firmengeflecht überprüft und Albatross zum feindlichen Vermögen in Deutschland erklärt. Doch die unübersichtlichen Verbindungen mit dem Ausland und die vielen verschiedenen Ableger machten die Geschäfte des Verlages in Paris schwer nachvollziehbar. Und so ging Hoffman nur einen Steinwurf von Notre-Dame entfernt an seiner neuen Wirkstätte auf der Seine-Insel daran, dieses Rätsel aufzuklären. Er wühlte sich in dem stillen Büro durch die Akten. Er befragte zwei ehemalige Angestellte von Albatross, die er ausfindig machen konnte: den deutschen Mitbegründer Max Christian Wegner und Sonia Ham- 16 sortimenterbrief 1/22

ein verblüffendes kapitel aus der bücherwelt bourg, eine englische Albatross-Lektorin, die der Besatzung in Paris trotzte und, ohne dass Hoffman es ahnte, zur Hälfte jüdischer Abstammung war. Er vertiefte sich in die Feinheiten des französischen und deutschen Rechts. Er entflocht die zwischen dem Albatross Verlag und seinem französischen Pendant sowie zwischen Albatross und dem Deutschen Reich gespannten Finanzfäden. Wie ernst er seinen Auftrag nahm, geht aus seinem siebzehnseitigen Bericht an den Oberfinanzpräsidenten von Leipzig mit fast vierzig Seiten Anlagen eindrucksvoll hervor. Weitaus spannender als dieser Bericht ist jedoch die Geschichte, wie und warum Hoffman zu dieser Tür des Hauses Rue Chanoinesse 12 gelangte – wie es kam, dass einer wie er mitten in Paris einer deutschen Firma mit britischen und jüdischen Verbindungen nachging, die englische Bücher verkaufte und beschuldigt wurde, das Deutsche Reich über den Großteil der Dreißigerjahre um Devisen betrogen zu haben. Das Bedeutsame an Hoffman sind am Ende weniger die Ergebnisse seiner Nachforschungen als die Stellung, die er einnahm. Er war der vorerst letzte in einer langen Reihe von Verwaltungsbeamten des NS-Staates, die während der Dreißigerjahre und bis in den Krieg hinein Albatross’ finanzielle und rechtliche Struktur durchleuchteten, um das Unternehmen deutschen Zwecken dienlich zu machen. Doch wie es scheint, stiftete jede amtliche Beschäftigung mit dem Albatross Verlag nur immer neue Verwirrung. Jahrelang verbarg sich Albatross, sichtbar für alle Welt. Nebelwerfen bewährte sich nicht nur als die beste Verteidigung gegen die Bürokratie des Nazistaates, sondern gewährte deutschen Lesern auch Zugang zu englischer und amerikanischer Literatur, als in Hitlerdeutschland die Reinigung des Volkstums von fremden Einflüssen längst im Gange war. Sieht man vom Zweck der Zensur ab, so erschließt sich nicht unmittelbar, warum die nationalsozialistische Bürokratie überhaupt am Albatross Verlag interessiert war. Dieser Gedanke kam mir als erster beim Blättern in The Albatross Book of Short Stories, einem silbergrauen Band, den ich mir aus den Magazintürmen der französischen Nationalbibliothek in Paris hatte kommen lassen. Der Einband war angenehm schlicht gehalten: mehrere rechteckige Umrandungen, oben der Titel in Blockbuchstaben und nahe am unteren Rand die Konturen eines im Himmel schwebenden Vogels. Ich saß in dem monumentalen Lesesaal zwischen Betonwänden, deren Schroffheit nur durch die Eichentöne der Holztische und die persimonenfarbenen Teppiche abgemildert werden. Seit geraumer Zeit erforschte ich Ruf und Ansehen einiger mehr oder weniger bekannter englischer Autoren wie James Joyce, D. H. Lawrence, Virginia Woolf oder May Sinclair auf dem europäischen Kontinent. Ich wusste, dass zahlreiche Verlage in Kontinentaleuropa während der Zwanziger- und Dreißigerjahre eifrig Werke britischer und amerikanischer Autoren übersetzen ließen und diese bei den Lesern ausgesprochen gut ankamen. Und so erwartete ich von diesem Band, was ich oft zuvor gesehen hatte: Übersetzungen englischer Literatur ins Französische. Stattdessen empfing mich beim Öffnen ein Meer englischer Wörter. Aus den Verlagsangaben ging klar hervor, dass das Buch in Deutschland gedruckt war, noch dazu im Jahr 1935. Zwei Merkmale verrieten, dass es sich um eine Ausgabe für kontinentaleuropäische Leser handeln musste: die umlaufenden Worte »The Albatross Modern Continental Library« sowie am unteren Rand die Warnung: »Darf nicht in das British Empire oder die USA eingeführt werden«. Wer auch nur ein wenig über die Geschichte dieser Zeit weiß, muss über die augenfälligen Widersprüche stolpern. Der Verlag Albatross begann im Mai 1932, seine Bücher in Deutschland zu drucken. Am 30. Januar 1933 kam Hitler an die Macht. Aus meiner Forschung wusste ich, dass nationalsozialistische Zensoren im Jahr 1935 bereits mehrere Bücher von Autoren verboten hatten, deren Namen auf diesem Einband prangten. Aldous Huxleys Brave New World war ganz sicher keine von Nazis bevorzugte Bettlektüre, ebenso wenig Ulysses von James Joyce. Der jüdische Schriftsteller Louis Golding durfte in den Dreißigern nicht ins Deutsche übersetzt werden, und sein gesamtes Werk fand sich schlussendlich auf Goebbels’ »Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums«. Wie ich später erfuhr, empfand man D. H. Lawrences Roman Lady Chatterley’s Lover im Dritten Reich als einen derart groben Verstoß gegen die guten Sitten, dass die Behörden ihn nicht nur auf Deutsch, sondern zur Sicherheit auch auf Englisch verboten. Je mehr ich recherchierte, umso deutlicher wurde, dass der damalige Ruhm von Albatross nicht auf dem Handel mit gediegenen Klassikern beruhte, sondern auf dem Verlegen der heißesten und modernsten Literatur aus England und Amerika. Fast unmittelbar nachdem der Albatross Verlag in diesen Markt eingedrungen war, fielen seine Bücher auf ... Michele K. Troy Die Albatross Connection Drei Glücksritter und das »Dritte Reich« 544 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag 978-3-95890-380-7, € 43,20 Europa Verlag, ET: März sortimenterbrief 1/22 17


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