sortimenterbrief interview alles fantastisch, alles ist geflossen, meine Protagonistin Michelle hat mich getragen. Wenn ich aber an die Veröffentlichung gedacht habe, war ich manchmal wie gelähmt, habe einen Druck und auch Angst verspürt. Ich hatte aber auch die Hoffnung, dass Michelle meine zukünftigen Leser:innen genauso tragen wird wie mich. Durch Ihre literarischen Aktivitäten und Schwerpunkte haben Sie sich vor allem auch als gesellschaftlich engagierte Schriftstellerin bewiesen: Im ersten Roman haben Sie das Problem von Gewalt gegen Frauen aufgegriffen. Advertorial © Jonas Holthaus 2026 Teresa Petrovitz im Gespräch mit Ruth-Maria Thomas »Das Thema der sozialen Ungleichheit war Anstoß und Motor meines Schreibens. Ist eine Liebe möglich, wenn zwei Menschen aus so unterschiedlichen Milieus kommen?« Ihr Debütroman Die schönste Version wurde von der Kritiker- und Leserschaft begeistert aufgenommen. Unter Schriftsteller:innen ist das zweite Werk ja teilweise sehr gefürchtet, Stichwort „Second Novel Syndrome“, mit all dem, 10 was damit einhergehen kann: Druck, Ängste, Erwartungshaltungen. Wie ist es Ihnen beim Schreiben Ihres Nachfolgewerks ergangen? Thomas: Während des Schreibens war Welche Schwerpunkte haben Sie in Die zweitgrößte Liebe anhand der beiden Figuren Michelle und Henry gesetzt und was hat dazu den Anstoß gegeben? Thomas: Das Thema der sozialen Ungleichheit und die große Ungerechtigkeit, die damit zusammenhängt, waren Anstoß und Motor meines Schreibens. Soziale Ungleichheit gefährdet unseren sozialen Frieden, noch nie war die Kluft zwischen Arm und Reich so groß wie jetzt. Eine große Ungerechtigkeit auch, wie die Politik in vielen Fällen darauf reagiert: mit Kürzungen im sozialen Bereich. Ich wollte diese Missstände auf der Mikroebene literarisch untersuchen. Was bedeutet diese Realität für zwei Personen, für Liebende, für eine Beziehung zueinander? Ist eine Liebe möglich, wenn zwei Menschen aus zwei so unterschiedlichen Milieus kommen, so unterschiedliche Startchancen im Leben hatten? Welche neuen Perspektiven wollten Sie mit Die zweitgrößte Liebe auf diese gewählten Themen und Motive eröffnen?
»Es gibt so viele Themen, die mich umtreiben« Thomas: Die weitverbreitete Annahme darüber, was einen guten Menschen ausmacht, nämlich Ehrlichkeit, Großzügigkeit, sich an Regeln und Gesetze zu halten, gleicht in einer ungerecht geordneten Welt häufig einem Privileg. Zudem wollte ich erzählerisch Klassismus sichtbar machen: Wer schämt sich für was, welche Maßstäbe lege ich für die Auf- und Abwertung von Dingen an? Was finden Sie an der Figur Michelle, die eben in keinem privilegierten Umfeld aufgewachsen ist, interessant und erzählenswert? Thomas: Michelle schämt sich nicht für die, die sie ist. Sie setzt ihre eigenen Wertvorstellungen in die Tat um. Das ist so trickreich, resolut und überzeugend, dass sie mich oft zum Staunen gebracht hat. Sie nimmt sich alles, was sie bekommt, und versucht, aus den Gegebenheiten das Beste zu machen. Dabei hilft ihr sicherlich auch die Ost- Sozialisierung ihrer Mutter, die Michelle für sich in eine Ressource von Kraft und Entschiedenheit verwandelt. Und was an Henry, der im Gegensatz zu Michelle weit bessere Startbedingung en hatte? Thomas: Henry liebt wirklich intensiv. Liebe ist für ihn der größte Motor. Womöglich ist es aber gar nicht Liebe, vielleicht ist es auch sein Bedürfnis, nicht alleine zu sein, es nicht zu können. Ich finde es spannend, wie er für die große Liebe Kompromisse eingeht, die er eigentlich nicht eingehen kann, es aber trotzdem macht. Mich hat zudem an ihm fasziniert, wie man durchs Leben geht, wenn man seine eigenen Privilegien nie hinterfragen musste. Sehen Sie Ihr Werk auch als Gegenmodell zu den literarischen Romance- Trends, in denen die Liebe, Beziehungen und Frauen oft in erschreckend verklärter oder auch konservativer Weise dargestellt werden, inklusive stereotyper Geschlechterrollen und Beziehungsdynamiken? Man denke etwa an die Alpha-Male-Trope oder die Figur des Weird-Girls … Verfolgen Sie derartige Trends? Thomas: Ich glaube, es führt nicht weit, Menschen und Romanfiguren nur auf eine Facette zu reduzieren; kein Trend kann eine Person vollumfänglich fassen. Genres wie Romance möchte ich aber nicht abwerten, ich bin überzeugt, dass eine Gesellschaft immer die Kunst schafft, die ein Spiegel ihrer selbst ist. Und gleichzeitig wünsche ich mir persönlich weniger Alpha Males im Leben und in der Kunst und dass Frauen sich nicht auf ein Adjektiv wie „weird“ reduzieren lassen müssen. Ich versuche, meinen Teil dazu beizutragen. Indem ich, hoffentlich, komplexe Figuren erfinde, die in ihrer Vielschichtigkeit gut, böse und alles dazwischen sind. Bevor Sie Schriftstellerin wurden, haben Sie als Sozialarbeiterin in der Jugendhilfe gearbeitet. Der berufliche Hintergrund hat Ihre Wahrnehmungsperspektive sicherlich stark beeinflusst. Vermissen Sie die direkte Arbeit mit Menschen eigentlich? Das Schreiben ist ja phasenweise doch auch ein einsamer Beruf … Thomas: Ja, ich vermisse diese Arbeit, in der man direkt und unmittelbarer als beim Schreiben seinen Teil zum großen Ganzen beiträgt. Und ich habe riesigen Respekt vor meinen ehemaligen Kolleg:innen, es ist eine wahnsinnig fordernde Arbeit, der sie nachgehen. Für mich ist es ein großes Privileg, dass ich schreiben darf und Menschen meine Bücher lesen. Ich trage nun also schreibend meinen Teil bei und im Austausch mit meinen Leser:innen (z. B. nach Lesungen). Der Austausch mit ihnen und auch mit anderen Autor:innen ist wahnsinnig schön und bereichernd. Ich kann mir für die fernere Zukunft aber auch beides vorstellen: wieder im Bereich der Sozialen Arbeit tätig zu sein und zu schreiben. Welchen Fragen, literarischen oder gesellschaftlichen, möchten Sie als Autorin künftig noch nachgehen? Thomas: Es gibt so viele Themen, die mich umtreiben. Im Moment denke ich darüber nach, wie viel Freiheit man beim Träumen hat, wenn die äußere Welt begrenzt, klar umrissen ist. Wie damals bei meinen Eltern in der DDR. Wonach sehnt man sich, wenn man weiß, dass nicht alles möglich ist? Wissen Sie schon, ob Sie mit Ihrem neuen Buch auch durch Österreich touren werden? Thomas: Ich hoffe doch sehr. Ich liebe Österreich. Mein Mann und ich fahren jedes Jahr in den Urlaub dorthin. Dieses Interview beantworte ich, während ich in der Steiermark bin, auf dem Sprung ins Salzkammergut. Für Lesungen in Österreich würde ich alles stehen und liegen lassen. Herzlichen Dank für das Gespräch! Ruth-Maria Thomas, Die zweitgrößte Liebe Roman, 304 Seiten, Hardcover, € 24,70 (A) ISBN: 978-3-423-28576-6, dtv, ET: 30.7.2026 11
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