sortimenterbrief interview Dr. Med. Wolfgang Knüll, Facharzt für Allgemeinmedizin, war bis 2010 in einer eigenen Praxis in Köln tätig. Seit einem Erlebnis als Arzt auf einer Intensivstation vor 45 Jahren beschäftigt er sich wissenschaftlich mit der Thematik von Bewusstsein bei Nahtoderfahrungen. Seit 2016 hält er Vorträge zu dem Thema und ist in regelmäßigem Austausch mit dem international bekannten holländischen Nahtodforscher und Kardiologen Pim van Lommel. Wolfgang Knüll lebt in Dannenberg. Advertorial © privat Ossi Hejlek im Gespräch mit Wolfgang Knüll Nahtoderlebnisse, Quantenphysik und Philosophie verschmelzen zu einer Reflexion über die Grenzen der Wirklichkeit Ist das in Kürze erscheinende Ihr zweites Buch? Knüll: Ja, das ist korrekt. Ich veröffentlichte eines mit dem Titel Nahtoderfahrungen - Blick in eine andere Welt. Das neue Buch trägt den Titel Über den Tod hinaus. Warum wir unsterblich sind. Ich möchte Ihnen zu Beginn aber gleich eines sagen: Der Begriff Nahtoderfahrung ist für mich immer sehr missverständlich, denn 20 es geht überhaupt nicht um Tod, sondern Sie haben es zu tun mit dem Lebendigen. Nahtoderfahrungen gibt es bei drohender Lebensgefahr, die gibt es in Meditationen, die gibt es bei Abstürzen am Berg - während des Absturzes. Da ist der Mensch nicht tot. Oder - man hat einen Herzstillstand mit Bewusstlosigkeit. Dann ist man de facto tot. Wenn niemand reanimierend eingreift, bleibt man es auch. In der Reanimationsmedizin sprechen wir vom klinischen Tod. Das ist die Zeitspanne, in der man die Herzzellen noch erregen bzw. anregen kann, damit das Herz wieder schlägt und das Gehirn wieder anspringt. Genau in diesem Zeitraum findet die Nahtoderfahrung statt, obwohl das Gehirn eigentlich flachliegt. Es gibt ein Bewusstsein, das noch weiterlebt, wenn die Anatomie aufgehört hat, zu existieren. Darum sage ich immer wieder, dass der Begriff Nahtoderfahrung falsch ist. Man ist entweder lebendig oder tot. Genau genommen muss man von einer fundamentalen spirituellen Erfahrung sprechen. Muss man zum Verständnis der Wahrnehmung Religiosität mitbringen? Knüll: Gar nicht. Es ist völlig egal, ob Sie Buddhist, Atheist, Skeptiker oder was auch immer sind - ob Sie in einem Dorf in Nordamerika aufgewachsen sind oder in Afrika ... Die Berichte über Nahtoderfahrungen sind in allen Kulturen sehr ähnlich. Menschen mit Nahtoderfahrungen sprechen von einem über alle Maßen ausgeweiteten Denken, vor allem auch über ein vielfach schnelleres, als unser Gehirn es vermag. Hören und sehen durch Materie hindurch - ohne ge-
»Es gibt einen Bereich, der außerhalb von Raum und Zeit vorhanden ist« ografische Grenzen. Menschen berichten, dass sie ihr Leben sowohl im Zeitraffer als auch in voller Länge erleben - was als Lebenspanorama bezeichnet wird. Es gibt da einen Bereich, der außerhalb von Raum und Zeit vorhanden ist. Die Quantenphysik kennt das Phänomen und nennt es Nichtlokalität. Das gibt es also wirklich. Anton Zeilinger wendete diese nichtlokale Verschränkung bei Teleportation an. Man kann aus wissenschaftlicher Sicht auch nicht erklären, wer diese Erfahrung macht? Knüll: Es ist das Ich, die Persönlichkeit selbst. Wenn die Anatomie stirbt, so bleibt die Persönlichkeit erhalten - das ist das Lebendige. Will man es verstehen, muss man die Perspektive der Nahtoderfahrung einnehmen. Wenn wir vom reduktionistischen Wissenschaftsbetrieb ausgehen, dann enden wir mit dem Tod der Anatomie. Gehen wir jedoch von einem fundamentalen Bewusstsein aus, unter welchem Namen auch immer, so werden wir erkennen, dass dies der Ursprung aller Dinge ist. Wenn wir drei in Rede stehende Begrifflichkeiten hernehmen, Bewusstsein, Leben, freier Wille, so wissen wir nicht, wie diese entstanden sind. Wie kann aus Nicht-Leben Leben entstehen, wie aus Nicht-Bewusstsein Bewusstsein? Ein fundamentales Bewusstsein hat mit dem Urknall die Entwicklung angestoßen. Irgendwann war die Materie in der Lage, Teile des Bewusstseins zu tragen. Es entstanden Aminosäuren, es entstanden Strukturen von chemischen Verbindungen, die Bewusstsein festhielten - natürlich jedoch nicht produzieren. Ob wir das fundamentale Bewusstsein Geist, Gott oder sonst wie benennen - wir können uns kein Bild machen, wie groß Geist ist, was Geist alles kann, was Schöpfung ausmacht. Ich weiß nur, dass meine Anatomie eine gewisse Zeit in der Lage ist, eine kleine Menge - man kann auch sagen: einen Bewusstseinsfunken - zu tragen, viel mehr als ein Tier oder ein Einzeller, die ja auch alle ein Bewusstsein haben. Es gibt nicht Lebendiges ohne Bewusstsein. Stirbt die Anatomie, fällt der „Funke“ zurück ins fundamentale Bewusstsein. Bei manchen Menschen geht er zurück in die verlassene Anatomie, und sie können sich erinnern. Die berichten uns dann - wir bezeichnen das als Nahtoderfahrung. Wie anerkannt ist das Phänomen des fundamentalen Bewusstseins? Knüll: Es gibt viel zu viele bezeugte Berichte - wir wissen, dass es das gibt. Aber wir tun so, als gäbe es das nicht, weil es uns bei unserer Arbeit stört. Neurologen bekommen Forschungsgelder, um das Bewusstsein zu suchen. Zerlegen wir die Anatomie einer Zelle, auf der Suche nach Bewusstsein, so werden wir es nicht mehr finden, da wir am Weg alles zerstört haben. Das Lebendige ist dann längst heraus. Nach dem Tod der Anatomie geht das Lebendige dorthin, woher es gekommen ist. Menschen mit Nahtoderfahrungen berichten über ihre Außerkörperlichkeit, das Vermögen, durch Wände hindurch zu sehen. Sie sehen und hören alles - auch die Gedanken der Menschen. Es gibt Berichte über das Treffen von Verstorbenen - sogar von unbekannten Verstorbenen. Man kennt auch Berichte, in denen die Zukunft offenbart wurde, die - im Anschluss überprüft - auch eintrat. Ein Beispiel: Eine Frau bekommt bei der Geburt einen schweren Blutsturz. Sie fällt ins Koma - ist weg. Sie sieht sich selbst von oben, erkennt die entstehende Hektik. Sie nimmt an, dass es sich um sie handeln muss. Alle haben bei ihren Erfahrungen eine gewisse Fremdheit zur eigenen Anatomie. Sie sieht den Notarzt durch die Flure des Krankenhauses heraneilen. Vor der Türe macht er Halt und stößt einen deftigen Fluch aus, das ihm das nun passiert - aber nur in Gedanken! Er betritt den Raum - die Frau wird gerettet. In der Folgewoche kommt er zur Visite. Sie bedankt sich bei ihm und fragt ihn, was denn das vor der Türe war. Wie konnte sie das wissen? Es gibt Dutzende solcher Geschichten. Das Entscheidende dabei ist, dass Nahtoderfahrungen Zeugen haben: Ärzte, Angehörige etc., die das bestätigen können, worüber die Menschen berichten. Erfahrungen in Situationen, in denen das Gehirn nicht mehr funktioniert. Eigentlich müssten derlei Erlebnisse ein elektromagnetisches Feuerwerk entfachen. Neurologen finden jedoch bei Gehirnstrom-Messungen rein gar nichts. Verändern die Nahtoderfahrungen die Menschen, die zurückkehren? Knüll: Die Menschen kommen ja aus einer ungeheuren Licht-Liebe-Entität. In ihren Erfahrungen ging es übergeordnet nur darum, ob sie im Leben liebevoll oder lieblos agierten. Durch die Nahtoderfahrung hat sich für die Betroffenen ein Fenster zu einem liebevollen fundamentalen Bewusstsein geöffnet - unter welchem Namen auch immer -, das sie nachhaltig verändert in Richtung Liebe. Angst vor dem Tod besteht nicht mehr, weil es ihn in dem Sinne gar nicht gibt. Das meint Unsterblichkeit. Herzlichen Dank für das Gespräch! Wolfgang Knüll, Über den Tod hinaus Warum wir unsterblich sind, 240 S., Hardcover ISBN 978-3-8436-1662-1, € 22,70 (A) Patmos, ET: 24.8.2026 21
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