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sortimenterbrief Juli/August 2020

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Das österreichische Branchenmagazin für Buchmarkt, Buchverkauf und Buchwerbung. Ausgabe Juli 2020.

© Harald Eisenberger

© Harald Eisenberger Zukunftsforscher Harry Gatterers Plädoyer Bitte nicht zurück zur Normalität! Alle fragen, wann wir endlich wieder zurückkommen – in eine (neue oder wie auch immer) Normalität. Doch das Zurück ist keine Perspektive, sondern eine Flucht. Vor uns selbst und vor der Zukunft. Hören wir endlich auf, zurückzuwollen – und beginnen wir damit, unsere Gegenwart zu erkennen und zu gestalten. Krisenkommunikation ist Aufbruchskommunikation. Das haben die Chinesen verstanden. Mitten im globalen Shutdown hat man in China im April den Spatenstich für das größte Fußballstadion der Welt gesetzt. 100.000 Menschen sollen darin Platz finden. Das ist ein Zeichen von übertriebenem Gigantismus – keine Frage. Aber es ist auch eine Erklärung an die Zukunft. In Österreich hingegen finden wir nur „Rückwärts- Worte“: Zurück zur Normalität, die Wirtschaft wieder hochfahren oder gar das „Comeback Österreichs“. Was soll das? Natürlich sehnen sich die Menschen nach ihren Routinen und Gewohnheiten. Nicht umsonst bilden sich Schlangen vor McDonalds und Ikea. Die Heile-Welt-Idee liegt uns nah. Doch wir tun uns nichts Gutes, die Sehnsucht nach der heilen Welt mit einer Rückwärtsnormalität zu verwechseln. Denn – erinnern wir uns – war denn das Zurück wirklich so einwandfrei heil? Ein paar Gedankenstützen Mit dem Shutdown mussten zuerst die Schüler, Studenten und Kindergartenkinder zu Hause bleiben, was alle vor technische Herausforderungen gestellt hat. Auf diese „Zukunft“ waren wir nicht vorbereitet. Aber nicht nur technisch. Noch weniger als die Home-Schooling-Technology war die Lernkultur auf diese Situation vorbereitet. Allerorts überforderte Lehrende, Lernende und Eltern. Die Schulpflicht, die per Gesetz mit einer Anwesenheitspflicht verwechselt wird, schlägt zu. Denn in der Dauergewohnheit eines längst überholten Bildungsansatzes lernt niemand der Beteiligten – Lehrende, Lernende und Eltern –, sich selbst im Lernen zu organisieren. Natürlich ist diese Tatsache durchaus gewollt. Für die Zukunft ist jedoch die Idee, nur Wissen in die Köpfe zu quetschen, viel zu wenig. Wir brauchen eine Bildung, die vor allem anderen den Lernenden das Lernen lehrt. Nicht den Stoff. Content ist schon längst nicht mehr King! Das hat sogar die Werbung verstanden. Es geht um Kontext, Umweltsensibilität und Selbstwirksamkeit. Das bekommen wir in der „Zurück-Schule“ nicht. Wollen wir also wirklich nur zurück – so schnell und hygienisch wie möglich? Oder nutzen wir die Zeichen der Krise, um uns zu entwickeln. Krisen weisen uns darauf hin, was alles NICHT gut war. Sie schildern, worauf wir vorbereitet waren und worauf nicht. Am Beispiel der Bildung sehen wir, dass wir nicht nur nicht auf die Krise vorbereitet waren – sondern noch immer nicht auf das 21. Jahrhundert. Zurück? Wirklich? Dabei haben wir gerade im Bildungssystem schon wirklich gute Ansätze, es gibt sie, die Bildungshelden der Zukunft. Lassen wir sie JETZT ran! Denken wir beispielsweise an die Wirtschaft In den letzten Jahren hat sich ein zunehmendes Ökobewusstsein gebildet und mit Gretas Aktionen nochmal zugespitzt. An der Umwelt und dem Klimawandel kann kein Unternehmen der Welt vorbei. Oder? In der Krise wollten Modehersteller ihren bereits bestellten Billigramsch stornieren – schmeißt ihn halt weg! Milliarden von 42 sortimenterbrief 7–8/20

ein plädoyer für unsere zukunft Kleidungsstücken landen jährlich im Müll. Unrecyclebar. Das Aufkommen einer Kreislaufökonomie hat immer mehr Unternehmen bewogen, neu zu denken. Wie MUD Jeans zum Beispiel. Ein Unternehmen aus Holland, bei dem man Jeans leasen kann, anstatt sie zu kaufen. Und das zurückgegebene Kleidungsstück wird im cradle2cradle-Verfahren wieder zur Jean. Das ist genial, aber noch die Minderheit. Und während wir Greta von Kongress zu Kongress jagen und ihr verdutzt und berührt zuhören, brennen die Amazonaswälder, wird abgeholzt wie nie zuvor, und so wirklich angesprochen fühlen wir uns davon nicht. Die Idee einer Wirtschaft, die wachsen muss, wird die Umwelt immer als blinden Fleck mitführen. Dies ist systemisch installiert. Eine Next-Growth-Ökonomie ist längst angelegt. Wie in der Bildung gibt es die Helden der Next Generation of Business. Holistisch gedachte Unternehmen beenden das Wachstumsparadigma und fühlen sich mitverantwortlich für die Welt. Es gibt sie. Es ist angerichtet. Aber noch sind wir nicht so weit. Noch müssen wir „Bio-Produkte“ als solche markieren – sie sind die Ausnahme. Eigentlich müssten wir die „nicht ökologischen“ Produkte markieren. Denken wir mal drüber nach! Die Wirtschaft einfach „hochfahren“ bedeutet: im alten Modus weiterfahren. Das wäre sträflich. Diese Krise ist ein Momentum für eine Wirtschaftsevolution. Also bitte – nicht zurück! Wechseln wir zu den Lebenswelten Wir erleben eine zunehmende Vereinsamung von Menschen. Dabei meine ich nicht Menschen, die Single als Beziehungsstatus angeben. Ich meine Menschen, die „vereinsamen“ und kaum noch Kontakte zu anderen pflegen: Ältere Menschen sind davon häufig betroffen, aber nicht nur. Immer mehr Studenten finden wenig Anschluss, fühlen sich allein und allein gelassen — und das in Zeiten von Social Media. In Großbritannien gibt es sogar ein Junior Ministerium für „Loneliness“ — weil Vereinsamung dort gar als ein Quell für physische Erkrankungen gesehen wird. Um diese Einsamkeit zu ertragen, greifen immer mehr Menschen zu Antidepressiva, leben in virtuellen Binge-Watch-Welten und versuchen, sich im Tinder-Style zumindest ab und an eine Berührung zu gönnen. Wollen wir auch dahin zurück? Dass dies kaum mit Ja zu beantworten ist, kann man schon an den Zeichen vor Corona lesen – die Idee der Resonanz als eine Art Erfahrung von Berührtheit setzte sich in Gang. Achtsamkeitswellen und der Hygge-Trend zeigen, dass wir aus der Kühle der technologisierten Umwelt rauswollten. Und in der Tat: Es gibt viele gute Hinweise, dass uns das immer besser gelingen könnte. Eine ganze Bewegung der „Wir-Kultur“ hat sich aufgemacht, aus der Mitte der Gesellschaft die reine Konsum-Individualisierung zu einer Beziehungs-Individualisierung zu machen. Die Solidarität in der Krise hat dies sichtbar gemacht. Auch hier gilt für mich: nicht zurück. Drehen wir die Gesellschaft auf Resilienz und Resonanz. Achten wir mehr als weniger aufeinander. Seien wir freundlich, selbst wenn wir nicht derselben Meinung sind. Ich spreche nicht von einer romantisch-naiven Welt. Ich spreche von einem Sprung im kollektiven Bewusstsein. Auch dieser ist möglich – jetzt! Nicht alles, was war, ist schlecht Im Gegenteil: Unsere Gesellschaften sind auf einem hohen Niveau wohlständig, unsere Gesundheitsfortschritte führen uns in ein langes und komfortables Leben. Die Wirtschaft fördert und erzeugt Talente, macht das Leben spannend und fördert Innovation. Ich liebe viele Errungenschaften, die ich und wir alle ganz selbstverständlich nutzen können. Es ist keine Generalkritik an der Welt, wie sie war. Und doch kann ich dem unreflektierten und populistischen „Zurück“ nichts abgewinnen. Es ist die Zeit der Weichenstellung für die kommenden Jahre. Der Einschnitt der Krise kann nicht überwunden werden im Glauben, „dass schon alles gut wird.“ Nein, jetzt gilt es, etwas dafür zu tun, dass wir eine Welt erleben dürfen, an der wir uns erfreuen, weil sie uns NICHT an vorher erinnert. Eine Welt, die durch die Krise BESSER geworden ist. Ich bin bekennender, wenn auch kritischer Zukunftsoptimist Die Zukunft ist ein Möglichkeitsraum. Gerade jetzt schreiben wir die Zukunft um. Der Zeitpunkt dafür ist ein äußerst sensibler und beachtenswerter. Die meisten öffentlich diskutierten Ansätze, die man heute erkennt – von der Kontroll- App, den Verschwörungsgeschwüren bis zur verpflichtenden Impfung – sind dominiert und getrieben von Angst. Jetzt ist aber die Zeit für eine Aufbruchserzählung. Es ist Zeit, das Zeitalter der Resilienz zu starten, Bildung völlig neu zu denken, lebenswerte Resonanzräume zu schaffen. Die Krise ist kein Geschenk. Aber sie ist eine Einladung zum Neudenken und der Startschuss für eine Co- Kreativität, wie es diese noch nie zuvor gegeben hat. Denn wir können! Stoppt das „Zurück“ und bewegt das „JETZT“! Harry Gatterer Ich mach mir die Welt. Wie wir mehr Leben in unsere Zukunft bringen 160 Seiten, Hardcover ISBN 978-3-222-15049-4, € 22,– | Molden sortimenterbrief 7–8/20 43


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