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sortimenterbrief juli/august 2022

Das österreichische Branchenmagazin für Buchmarkt, Buchverkauf und Buchwerbung. Ausgabe Juli/August 2022.

© René Kovacs Und mir

© René Kovacs Und mir ist es auch immer wichtig, dass ich bestimmte gesellschaftskritische Aspekte in meinen Büchern verarbeite oder Themen, die mich in der jeweiligen Lebensphase, in der das Buch entsteht, berühren oder bewegen. In Wenn das Licht gefriert war das beispielsweise das Thema Alzheimer, diesmal haben Sie sich unter anderem für das Messie-Syndrom interessiert. Teresa Petrovitz im Gespräch mit Roman Klementovic Wenn der Nebel schweigt und nichts so ist, wie es scheint ... Herr Klementovic, mit Wenn der Nebel schweigt erscheint im September Ihr neuester Thriller im Gmeiner Verlag. Diesmal steht eine junge Journalistin im Mittelpunkt, die mit dem ungeklärten Mord an ihrer Mutter vor vielen Jahren zu kämpfen hat. Durch den Besuch in ihrem Heimatdorf gerät ihr Leben aus den Fugen: Ihr Vater ist zum Messie geworden, zu ihren Verwandten findet sie kaum Zugang. Die Vergangenheit holt sie schließlich auf erschreckende Weise ein. Was hat Sie zu Ihrem neuen Plot inspiriert? Klementovic: Mir ist es beim Schreiben in erster Linie wichtig, Menschen wie du und ich in den Mittelpunkt zu stellen. Es gibt unzählige Krimis, in denen Polizist:innen oder Serienmörder:innen im Vordergrund stehen, was durchaus seine Berechtigung hat. Ich baue meine Geschichten aber lieber rund um Menschen auf, die ein ganz normales Leben führen und die − sei es aus einem Missgeschick, aus Zufall oder anderen Gründen − in eine Notlage geraten, mit dem Thema Mord konfrontiert werden und dann irgendwie versuchen, aus dieser Extremsituation herauszukommen. Klementovic: Auf diese Thematik bin ich durch ein Trash-TV-Format gestoßen, das von Messies handelt. In diesen Sendungen wird aufgerollt, was die betroffenen Menschen zu Messies gemacht hat, Verwandte und Freund:innen helfen ihnen dann, das Haus auszuräumen, finden dabei nicht selten berührende Fotos oder sonstige vergessene Schätze. Das war einer der Ausgangspunkte für meinen neuen Thriller. Ich wollte im Buch das Phänomen des Messie-Syndroms näher betrachten und habe dafür Janas Vater als Figur entwickelt. Mit ihm versuche ich zu zeigen, dass hinter diesem oft Ekel oder Abneigung hervorrufenden Phänomen Schicksale und bestimmte Dynamiken stehen. Niemand wird einfach so zum Messie, und im Fall von Janas Vater steckt der Mord an seiner Frau dahinter, dessen er auch verdächtigt wurde und wird. Ob und inwiefern er wirklich etwas damit zu tun hatte, erfährt man dann im Buch. Ein Motiv, das sich auch durch Ihren Thriller zieht, ist das der psychischen und physischen Gewalt gegen Frauen, eine Problematik, die leider tagtäglich aktuell ist und in letzter Zeit öffentlich intensiver diskutiert wurde. Sie haben mit Jana zudem eine Frau als Protagonistin gewählt und tauchen auch in die Perspektive ihrer Mutter vor ihrer Ermordung ein, was den Roman zusätzlich spannend macht. Klementovic: Dass dieses Motiv in Wenn der Nebel schweigt präsent ist, ist eher unbewusst passiert, auch dass ich Frauen als Protagonistinnen gewählt 38 sortimenterbrief 7–8/22

habe. Beim Schreiben gerate ich stets aufs Neue in einen kreativen Fluss, in dem ich dann meine Figuren und die Geschichten rund um sie herum entwickle. Bevor ich mit dem Schreiben beginne, entwerfe ich immer nur ein grobes Handlungsgerüst. Der Background meiner Figuren, wie sie denken und leben, wie sie fühlen, ergibt sich hingegen erst im Schreibprozess. Was Ihre Thriller sehr besonders macht, ist die düstere Stimmung, die das Geschehen begleitet. Haben Sie literarische Vorbilder, die Sie dahingehend beeinflusst haben? Klementovic: Das Düstere und auch das Melancholische haben mich schon immer fasziniert, sowohl in der Literatur als auch in Musik und Film. Ich kann mich erinnern, wie beeindruckt ich beispielsweise von David Finchers Thriller Sieben war. Zusätzlich zur nervenaufreibenden Handlung regnet es in diesem Film fortwährend, man bekommt keinen einzigen Sonnenstrahl zu sehen. Wäre Sieben in Kalifornien bei Sonnenschein am Strand gedreht worden, hätte der Film eine vollkommen andere und sicherlich weniger intensive Wirkung auf mich gehabt. Nun gibt es zu jedem Ihrer Bücher bereits Hörbücher, Ihre Stoffe sind auch für TV-Produktionen sehr gefragt. Ihr zweiter Thriller Immerstill wurde vom ORF und ZDF verfilmt, er soll bald ausgestrahlt werden. Waren Sie bei den Dreharbeiten dabei und haben Sie schon einen Eindruck bekommen, ob im Film diese düstere Stimmung gut eingefangen wird? Klementovic: Gesehen habe ich den Film noch nicht, aber ich bin schon sehr gespannt. Ausgestrahlt wird Immerstill Ende dieses oder spätestens Anfang nächsten Jahres als Teil der Landkrimi- Reihe. Das Setting wurde dafür nach Kärnten verlegt, die Geschichte spielt zur Faschingszeit. Dass mein Buch als Vorlage für einen Film gewählt wurde, war sehr aufregend für mich. Ich durfte auch immer wieder am Produktionsprozess teilhaben, indem ich die verschiedenen Drehbuchversionen zugeschickt bekommen habe und somit Feedback geben und Verbesserungsvorschläge machen konnte. Aus Interesse und Neugierde war ich außerdem bei einem Statist:innen-Casting und schließlich auch bei zwei Drehtagen dabei. Ich bin im Film auch in einer kleinen Statistenrolle zu sehen. Ich hoffe nur, dass ich nicht dem Schnitt oder einer falschen Einstellung zum Opfer falle (lacht). In welcher Szene sind Sie denn zu sehen? Klementovic: Bevor es im Film zur großen Suchaktion nach der Vermissten kommt, stehe ich neben dem Bürgermeister, der vor der versammelten Dorfgemeinde eine Ansprache hält. Dieser Drehtag hat mich übrigens sehr beeindruckt, es war ein überwältigendes Gefühl, dass all die Schauspieler:innen, Statist:innen, das gesamte Film-Team und damit so viele Menschen versammelt waren, um eine meiner Geschichten auf die Leinwand zu bringen. Auch in den nächsten Monaten haben Sie viel vor, die Veröffentlichung des Buches ist zugleich Auftakt vieler Lesungen, die Sie abhalten werden. Klementovic: Das öffentliche Lesen und Vorlesen ist für mich mithin eines der schönsten Dinge am Schriftsteller- Dasein. Ich freue mich deshalb schon sehr auf die vielen Veranstaltungen und hoffe, dass meine Lesungen auch tatsächlich stattfinden können und dass nicht wieder Termine aufgrund der pandemischen Situation abgesagt werden müssen. Am 14. September erscheint das Buch, und am nächsten Tag starte ich meine Lesetour in Wien, die mich durch ganz Österreich führt. Was haben Sie mit Blick auf das Schreiben ansonsten für die Zukunft geplant? Klementovic: Ich habe bereits erste düsterer thriller Ideen für ein neues Buch und bin gerade am Entdecken, wohin sie mich führen. Beim Schreiben geht es mir immer ein bisschen wie in meiner Schulzeit: Die Hausübung habe ich stets im Zug auf dem Weg in die Schule gemacht, auf den letzten Drücker. Ich liebe es, Geschichten und Ideen zu entwickeln, Dinge zu erfinden, aber bei der Umsetzung lasse ich mir gerne Zeit. Dennoch haben Sie seit Ihrem Debüt in einer sehr kurzen Zeitspanne bereits sechs Thriller veröffentlicht. Klementovic: Neben dem Schreiben bin ich noch anderweitig berufstätig, das schränkt meine zeitlichen Ressourcen etwas ein. Ohne diese Tätigkeit würde ich sicherlich noch mehr veröffentlichen. Ein Buch pro Jahr zu schreiben, ist in meiner Situation das Maximum, das ich aber gerne ausschöpfe. Die allerwenigsten Autor:innen können es sich leisten, allein vom Schreiben zu leben. Immerhin darf ich die Hälfte des Arbeitstages mit dem Schreiben verbringen, dafür bin ich sehr dankbar. Herzlichen Dank für das Gespräch! Roman Klementovic Wenn der Nebel schweigt 345 Seiten, Paperback 978-3-8392-0313-2, € 18,– | Gmeiner ET: 14. September sortimenterbrief 7–8/22 39


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