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sortimenterbrief juli/august 2022

Das österreichische Branchenmagazin für Buchmarkt, Buchverkauf und Buchwerbung. Ausgabe Juli/August 2022.

© Christopher Mavrič

© Christopher Mavrič Damit spielen Sie wahrscheinlich auch auf die horrenden Papierpreise an. Hassan: Das Thema Papierressourcen und Papierpreise steht in dieser Hinsicht an oberster Stelle. Gleichzeitig nehme ich wahr, zumal ich in mehreren Bereichen der Buchbranche tätig bin – ich bin außerdem Buchhändlerin und Autorin –, dass am Ende bei allen einzelnen Gliedern der Produktionskette Buch zu wenig übrig bleibt. Jeder Baustein sagt: Es ist zu wenig. Als Verlag bringt uns das zum Gedanken: Wenn das System Buch, so wie es jetzt ist, mit dem aktuellen Buchpreis, der für die Kund:innen womöglich auch noch zu teuer ist, nicht funktioniert, dann gilt es, umzudenken. Und hier kommt das Konzept des Slow Books ins Spiel? Teresa Petrovitz im Gespräch mit Magda Hassan Verlagsleitung, Edition 5Haus Eine Philosophie des langsamen und lebendigen Buches Frau Hassan, Sie haben seit nunmehr zwei Monaten die Leitung des jungen Wiener Verlags Edition 5Haus inne, der immer wieder mit seinen innovativen und zukunftsorientierten Konzepten im Bereich Kinderbuch auffällt. Wo liegen Ihrer Meinung nach die großen Herausforderungen der Zukunft im Verlagsbereich und was beschäftigt Sie in diesem Sinne zurzeit? Hassan: Das, worauf wir uns derzeit im Verlag stark konzentrieren und was ich auch generell als wichtiges Konzept der Zukunft erachte, ist das der sogenannten Slow Books. Diesen Begriff habe ich in Hamburg aufgeschnappt. Was dahintersteckt, gefällt mir irrsinnig gut. Ausgangspunkt sind viele Dynamiken, die wir alle kennen. Wie wir wissen, sind wir mittlerweile mit einer regelrechten Flut von Buchveröffentlichungen konfrontiert. Pro Jahr werden Tausende Titel publiziert, und dabei stellt sich die Frage: Wer soll das alles lesen? Hinzu kommt die Problematik, dass aufgrund dieser Fülle das Potenzial einzelner Bücher nicht mehr vollständig ausgeschöpft werden kann. Abgesehen davon wird uns durch die Weltlage, von der Corona-Krise bis hin zum Krieg in der Ukraine, schmerzlich bewusst, dass unsere Ressourcen endlich sind und zu Neige gehen. Hassan: All diese Dynamiken machen das Konzept des Slow Books für mich zu einem wegweisenden Gedanken: Unser Anliegen ist es, wenige Bücher zu machen, diese in ihren Möglichkeiten aber voll auszuschöpfen. Unsere Leitfrage ist: Wie können wir aus dem einzelnen Buch mehr und damit so viel herausholen, dass alle Beteiligten zufrieden sind. Ich denke, dass wir in der Verlagsbranche tatsächlich zu sehr im Wirtschaftlichkeits- und Kommerzdenken gefangen sind. Denkweisen wie „Mehr ist mehr“ oder „Je mehr Bücher, desto besser“ sind immer noch maßgebend. Es ist in den Verlagen zudem eine Art Unsicherheit zu spüren, wer in der Branche zukünftig welche Aufgaben übernimmt. Nicht selten ist die Social-Media-Aktivität einer Künstler:in für die Publikation in einem Verlag ausschlaggebend, weil so dieser Bereich von vornherein abgedeckt ist. Das ist zwar insofern ein verständlicher Gedanke, als es einerseits auch hier um ein Miteinander geht und es andererseits den Verlagen im derzeitigen System oftmals schlicht an den notwendigen Ressourcen fehlt. Ich finde allerdings trotzdem, dass es weiterhin die Hauptaufgabe eines Verlages sein 68 sortimenterbrief 7–8/22

von slow books und virtuellen räumen sollte, dem Protagonisten Buch und den Künstler:innen eine Bühne zu bieten. Dies tun Sie in der Edition 5Haus auf sehr innovativem Weg, indem Sie einen multimedialen Zugang verfolgen. Hassan: Mit jedem Buch, das bei uns erscheint, sind in unserem Verlag vielfältige Prozesse verbunden, die sich allein damit beschäftigen, wie wir es am besten in die Welt bringen können. Neben klassischen Lesungen, die sich in der Buchbranche ohnehin etabliert haben, arbeiten wir heute mit neuen Strategien. Dahinter steht auch der Gedanke, dass alle jene, die noch keinen Zugang zum Buch gefunden haben, einen finden können. Unser Portfolio reicht von Lesekonzerten über Workshops bis hin zu Rätselrallyes und virtuellen Welten. Damit gelangen wir zur „Kinderbuchwelt“ der Edition 5Haus, einem einzigartigen Projekt, das Sie in den Jahren 2020/21 in Form eines besonderen Ausstellungsraumes für Kinderbücher verwirklicht haben − in digitaler Form. Hassan: Ursprünglich war diese Ausstellung nicht nur digital, sondern auch in analoger Ausführung geplant. Dann kam der erste Lockdown und wir haben gewusst, dass die virtuelle Umsetzung umso reicher und bunter ausfallen muss, inklusive Videostreams, Geschichten-Podcasts, Einblicken hinter die Kulissen der Buchproduktion und vielem mehr. Wie wurde die virtuelle Ausstellung angenommen, mit Blick auf die teilnehmenden Verlage und die Besucher:innen? Hassan: Die Verlage, die in der Kinderbuchwelt ihren Künstler:innen eine Bühne bieten konnten, waren sehr glücklich über das Ergebnis. Die Besucher:innen waren ebenfalls begeistert − die hohen Besuchszahlen haben uns wirklich überrascht. Schon in den ersten Tagen haben mehrere tausend Menschen unsere Ausstellung virtuell besucht. Die Zahlen ließen sich digital sehr leicht abbilden und nachverfolgen. Dass dieses Konzept so gut angenommen wurde, ist einfach genial. Daran zeigt sich auch, wie wesentlich es ist, aus Krisen zu lernen und an ihnen zu wachsen, anstatt in die Defensive zu gehen. Corona hat uns in neue Richtungen gestoßen und in neue Perspektiven gezwungen. Und daraus ist etwas Großartiges entstanden − mit unseren virtuellen Räumen können wir Menschen weltweit für Bücher begeistern. Besteht Ihrer Meinung nach die Gefahr, dass das, was wir traditionell mit dem Lesen verbinden – Ruhe, Muße, Lernen – in Zukunft immer mehr in den Hintergrund gerät? Hassan: Ich denke, dass alles möglich sein muss und kann: die Ruhezeit, die das Kind in der Kuschelecke oder wir Erwachsenen im Bett mit dem Buch verbringen, ebenso wie Events, die das Buch in seinem unschätzbaren Wert hochleben lassen. Ich vertrete das Konzept des lebendigen Buchs, das wir auf so viele Arten und Weisen wie möglich genießen sollten. Dasselbe gilt auch für den Gegensatz zwischen analog und digital. Ich finde, dass sich beides nicht ausschließt, sondern vielmehr ergänzt. Diesen Leitgedanken haben wir mit unserer Kinderbuchwelt verwirklicht, indem wir sowohl das Angebot für einen realen Besuch als auch für ein virtuelles Entdecken, um noch mehr zu erleben, gemacht haben. Ein wichtiger Pfeiler Ihrer Verlagsphilosophie ist auch der der Kooperation. Sie versuchen, Verlage miteinander zu verbinden und gemeinsame Projekte zu forcieren. Wie können Verlage von einer Hinwendung zum Gemeinschaftlichen profitieren? Hassan: Diese Besonderheit hat sicherlich damit zu tun, dass meine beiden Kollegen Tobias Pichler und Wolfgang Hartl und ich Quereinsteiger:innen im Verlagsgeschäft sind und somit nicht im klassischen Verlagsdenken verhaftet sind. Ich bin langjährige Buchhändlerin, ich liebe und schätze seit jeher alle Verlage genauso wie die Künstler:innen. Und diesen Spirit versuchen wir, in unserem Verlag weiterzutragen. Schließlich geht es uns allen darum, Büchern eine Plattform zu bieten. Gerade auch deshalb erachte ich den Kooperationsgedanken als zukunftsweisend. Das sehen erfreulicherweise bereits mehrere Verlage so. Parallel dazu gibt es weitere positive Entwicklungen in diese Richtung, in unserer Sparte beispielsweise durch die ARGE Kinderbuch und deren Vorständin Tina Reiter aus dem Tyrolia Verlag. Auch Tanja Raich von Leykam ist hier sehr aktiv. So wie übrigens alle anderen auch. Oft braucht es nur eine zündende Idee oder Initiative, daraufhin machen alle gerne mit. Ein wichtiges Thema, mit dem sich Verlage heute und zukünftig konfrontiert sehen, ist das der Nachhaltigkeit. Wie gehen Sie mit diesem mittlerweile noch kostspieligeren Aspekt um? Hassan: Mit unserem Slow-Book-Gedanken steht Nachhaltigkeit in einem unmittelbaren Zusammenhang. Wir produzieren mit Umweltsiegel und Ökofarben und viele unserer Bücher ausschließlich in Österreich, so etwa unsere ASAGAN-Reihe. Wir vermeiden zudem lange Transportwege. Und uns liegt angesichts der schwierigen Lage besonders viel daran, sogenannte Einweg-Bücher zu vermeiden. Indem wir unsere Bücher zu Erlebnissen machen, steigern wir fortlaufend das Interesse an ihnen und damit auch die Anzahl des Griffs zum Buch. Dieser Gedanke schlägt sich ebenso in den Altersstufen nieder, die wir mit unseren Büchern ansprechen: Sie richten sich an ein Publikum von vier bis 104 Jahren. So können mehrere Generationen von einem Buch zehren, und das ist wunderschön und genau das, was wir erreichen möchten! Herzlichen Dank für das Gespräch! sortimenterbrief 7–8/22 69


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