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sortimenterbrief Juni 2022

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Das österreichische Branchenmagazin für Buchmarkt, Buchverkauf und Buchwerbung. Ausgabe Juni 2022.

die macht von büchern

die macht von büchern Schwarz: Der besagte Studienkollege befand sich damals in einer Art Lebenskrise, er zweifelte an der Wahl seines Studiums, wurde immer nachlässiger und resignierter, bei einem Gespräch sagte er irgendwann: „Es muss doch mehr geben im Leben!“ Zu dieser Zeit hatte ich gerade Herman Melvilles Moby Dick für eine Prüfung gelesen, und ich fand, dass Ishmaels Geschichte gut zu seiner Stimmung passte, dass ihm das Buch vielleicht weiterhelfen könnte. Ich gab es ihm, und er war sofort begeistert. Nachdem er es beendet hatte, erklärte er voller Enthusiasmus, dass auch er auf See gehen und die Weltmeere bereisen werde. Alle belächelten ihn, aber er machte seinen von Moby Dick inspirierten Traum wahr: Nach der Beendigung seines Studiums ging er an eine Schule für Seefahrt, heute ist er Erster Offizier eines Containerschiffes und bereist die Weltmeere. Advertorial © privat Teresa Petrovitz im Gespräch mit Roland Schwarz Die magische und faszinierende Kraft der Literatur Herr Schwarz, in Ihrem Buch Mit Moby Dick aufs Containerschiff blicken Sie aus einer oft vernachlässigten Perspektive auf die Literatur: Anhand von Anekdoten und kleinen Geschichten widmen Sie sich der lebensverändernden Kraft der Bücher, die so manchem Leben eine entscheidende Wende gegeben hat. Wann haben Sie diese Kraft erstmals wahrgenommen? Schwarz: Ich habe schon immer sehr gerne gelesen, Bücher wurden mir sozusagen in die Wiege gelegt: Mein Vater war Deutschlehrer und Bibliothekar, meine Mutter war ebenfalls Bibliothekarin. Ich bin also mit Büchern groß geworden und habe immer gewusst oder auch intuitiv gespürt, dass Lesen in vielerlei Hinsicht bereichernd für das eigene Leben sein kann. Ein Erlebnis, das mir dann mit voller Wucht bewusst gemacht hat, welche Macht Bücher auf die Wirklichkeit haben können, trug sich in meiner Studienzeit zu. Damit spielen Sie auf eine unglaubliche Geschichte an, die auch titelgebend für Ihr Buch geworden ist. Sie handelt von Ihrem Studienkollegen Martin, dessen Leben durch die Lektüre eines einzigen Buchs vom Kopf auf die Füße gestellt wurde − durch Ihre Mithilfe. Und dieses Erlebnis gab Ihnen dann den Anstoß, weitere Geschichten über die lebensverändernde Kraft der Literatur zu sammeln? Schwarz: Im Laufe der Jahre haben mir immer wieder Menschen ähnliche Geschichten erzählt, auch ich selbst kam von Zeit zu Zeit in Situationen, in denen ich merkte, dass Bücher fast unbemerkt Einfluss auf mein Leben nahmen. Irgendwann begann ich, diese Geschichten aufzuschreiben, und so kam es zu meinem Buch, für das ich schließlich den Anton Pustet Verlag begeistern konnte. An Ihren Geschichten wird ersichtlich, dass es nicht immer große, augenscheinliche Veränderungen sein müssen, die durch Bücher ausgelöst werden. Oft wirken sie im Kleinen, geben Rat in verzwickten Lebenssituationen oder sind Anstoß für schöne und unvergessliche Momente. 38 Schwarz: Die Wirkung von Literatur ist nicht selten subtil, ohne den großen Knall, der das gesamte Leben umkremsortimenterbrief 6/22

wie lesen unser leben verändert pelt, wie es bei meinem Freund der Fall war. Dies schmälert die Bedeutung ihrer Wirkkraft aber nicht. Interessant ist auch, wie wichtig das Zusammenspiel zwischen Leser:in, Buch und Lebenssituation ist und wie individuell Bücher wirken. Ich habe das Lesen von Moby Dick damals als eher mühsam empfunden, der Walfang, das Leben auf hoher See waren Themen, die viel zu weit weg und abstrakt für mich waren. Bei meinem Freund war genau das Gegenteil der Fall. Ihr Leben wurde durch andere Lektüren beeinflusst, wie Sie in Ihrem Buch mit einem sehr sympathischen Augenzwinkern beschreiben. Für Sie spielt die Lyrik eine große Rolle. Ein eigenes Kapitel mit Episoden haben Sie deshalb Gedichten von Emily Dickinson bis hin zu Petrarca gewidmet, Sie sprechen von der „Heilkraft und Unsterblichkeit der Lyrik “. Schwarz: Ich bin ein leidenschaftlicher Leser von Gedichten, sie begleiten mich in allen Stimmungslagen, aber vor allem dann, wenn ich traurig oder melancholisch bin. Während meines Studiums habe ich die englischsprachige Lyrik durch einen großartigen Professor für mich entdeckt. Es war mir deshalb ein Anliegen, auch Geschichten in mein Buch einzubauen, bei denen ein Gedicht oder ein Lyrikband das Leben eines Menschen bereichert oder verändert hat. Lyrik ist leider das Genre, das mittlerweile wahrscheinlich am wenigsten gelesen wird, was ich sehr schade finde. Vielleicht trägt mein Buch ein bisschen dazu bei, die Begeisterung für Lyrik neu zu entfachen. Sie sind Lehrer an einem Gymnasium und machen zurzeit ein Auslandsjahr, unterrichten Geografie und Englisch an einer Schule in Prag. Sind Ihre Geschichten in Ihrem Unterricht ein Ventil, um Ihren Schüler:innen Literatur schmackhafter zu machen. sortimenterbrief 6/22 Schwarz: In meinen Unterricht nehme ich immer wieder Gedichte und Bücher mit, aber Sie können sich wahrscheinlich vorstellen, welche Reaktionen das bei den meisten meiner Schüler:innen auslöst (lacht). Wenn man aber eine fesselnde Geschichte, die auch direkt mit dem Leben zu tun hat, dazuerzählt, dann werden Bücher und Gedichte für die Kinder und Jugendlichen viel spannender. Insbesondere weil sie merken, dass Literatur nicht nur etwas ist, das mit Lernen und der Schule zu tun hat, sondern auch mit dem „wahren Leben“. Lesenswert und spannend sind auch die vielen kleinen biografischen Skizzen, die Sie zu den jeweiligen Schriftsteller:innen in die Geschichten einfließen haben lassen. Schwarz: Für diesen Aspekt meines Buches habe ich sehr viel recherchiert, was mir aber auch große Freude bereitet hat. Ich verehre Schriftsteller:innen und war immer schon von ihren Leben und Biografien fasziniert. Für mein Buch wollte ich allerdings keine typischen Kurzbiografien verfassen, die ohnehin überall nachzulesen sind. Vielmehr habe ich versucht, die Essenz und besonders aufregende Details aus ihrem Leben herauszufiltern. Ich wollte herausfinden, was sie zum Schreiben ihrer Bücher bewegt hat und wie dieses Schreiben auf ihr Leben zurückgewirkt hat. Was ich bei meinen Recherchen herausgefunden habe, findet sich im Buch einerseits innerhalb der Geschichten wieder, andererseits auch in Form von Kurzbiografien am Ende jeder Geschichte. Auffallend ist auch, dass Sie für alle Genres offen sind und nicht nur Schriftsteller:innen behandeln, die traditionell der Hochliteratur zugeordnet werden. So findet sich neben Thomas Mann und Marlen Haushofer beispielsweise auch Thomas Brezina mit seiner Knickerbocker-Bande. Schwarz: Anfangs lag meinen Fokus auf den Klassikern, allerdings war es schlussendlich sowohl in meinem als auch im Sinne des Verlags, offen zu sein und keinen wertenden Unterschied zwischen Büchern und Autor:innen zu machen. Jedes Buch kann das Leben eines Menschen verändern, egal ob es ein populärwissenschaftliches Werk, ein Klassiker der Weltliteratur oder ein Kinderbuch ist. An das Ende Ihres Buches haben Sie einen „Call to action“ gestellt, das heißt, Sie rufen Ihre Leser:innen dazu auf, ihre eigenen Geschichten zu ihren lebensverändernden Büchern an Sie zu senden. Aus Ihrem Buch könnte also ein Projekt werden, das Sie noch lange begleitet? Schwarz: Es wäre wunderbar, wenn sich so viele Menschen wie möglich bei mir melden würden und wenn mein Buch somit eine Fortsetzung fände. Schon jetzt kommen in meinem Umfeld immer mehr Leute auf mich zu, die das Bedürfnis haben, mir von ihren Leseerlebnissen zu erzählen, die ihre Geschichten mitteilen möchten. Vielleicht trägt mein Buch auch dazu bei, dass Menschen künftig mehr darauf achten, wie stark Bücher, die sie gelesen haben, auf ihr Leben und auf ihr Handeln wirken. Möglicherweise fallen ihnen dadurch Dinge auf, die sie zuvor gar nicht wahrgenommen hätten. Ich würde mich jedenfalls sehr freuen, viele weitere gute Geschichten erzählt zu bekommen, diese sichtbar zu machen und damit so viele Menschen wie möglich zu inspirieren. Herzlichen Dank für das Gespräch! Roland Schwarz Mit Moby Dick aufs Containerschiff Wie Bücher unser Leben verändern 232 Seiten, Hardcover 978-3-7025-1059-6, € 24,– E-Book: 978-3-7025-8099-5 Verlag Anton Pustet, ET: Ende Juli 39


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