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sortimenterbrief Juni 2022

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Das österreichische Branchenmagazin für Buchmarkt, Buchverkauf und Buchwerbung. Ausgabe Juni 2022.

© Hanna Witte

© Hanna Witte Photography geborene Besatzungskinder mit afroamerikanischen Vätern, aufgearbeitet. Diesmal haben Sie sich eines Themas angenommen, das ebenfalls lange mit einem Tabu behaftet war: der Eugenik- Verbrechen in der NS-Zeit, die ausgehend von der Ideologie der Rassenlehre stattfanden. Teresa Petrovitz im Gespräch mit Susanne Abel Über historische Wunden und trügerische Gewissheiten Frau Abel, nach Ihrem erfolgreichen Roman Stay away from Gretchen ist nun die Fortsetzung Was ich nie gesagt habe erschienen. Im ersten Teil ging es um die Beziehung zwischen Thomas und seiner demenzkranken Mutter Greta und deren Spurensuche in die Vergangenheit, zurück in die Zeit des Nationalsozialismus. Wo knüpft der zweite Roman an? Abel: In Was ich nie gesagt habe steht auf der Vergangenheitsebene Thomas’ Vater Konrad im Zentrum. Schon im ersten Teil wollte ich auch seine Lebensgeschichte erzählen. Damals merkte ich aber, dass ein weiterer Erzählstrang den Rahmen des Buches gesprengt hätte. Diese Lücke habe ich nun im zweiten Teil gefüllt. Auch bei Konrad hat mich besonders interessiert, wie ein Mensch, ein Kind, ein Jugendlicher in der NS- Zeit sozialisiert wird, wie er dadurch beeinflusst wird. Daneben stehen auch Thomas und Gretchen wieder im Fokus meiner Erzählung. Im ersten Roman haben Sie erzählerisch die Themen Flucht, Krieg und insbesondere das wenig bekannte Phänomen der sogenannten Brown Babies, also von deutschen Müttern Abel: Diese Thematik habe ich im Roman in erster Linie anhand meiner Protagonistin Lizzy verarbeitet, Konrads Schwester, die mit dem Down-Syndrom geboren wird. Dass ich dieses Thema gewählt habe, hat viel mit meinen persönlichen Erfahrungen zu tun. Mit siebzehn brach ich die Schule ab und arbeitete dann als Erzieherin mit geistig behinderten Kindern in einem Zentrum in meinem Heimatdorf. Dieses bestand bereits in der NS-Zeit. Damals wurden von dort insgesamt 113 Menschen abgeholt und umgebracht. Das Aufarbeiten dieser Geschehnisse ist zu meinem Herzensthema geworden. Im Buch stelle ich in diesem Sinne Fragen wie: Was ist lebenswertes Leben? In der nationalsozialistischen Eugenik spielte auch Reproduktionsmedizin eine große Rolle, die Sie in Ihrem Roman auf verschiedene Arten thematisieren. Wie haben Sie sich diesem Gebiet angenähert? Abel: Wenn man sich mit einer Thematik auseinandersetzt, kommen einem im Laufe der Nachforschungen aus vielen Ecken wiederum Varianten des Themas zu. Das war bei meiner Recherche zur NS-Zeit und zur Eugenik auch mit Blick auf die Reproduktionsmedizin der Fall. Als ich für Gretchen recherchiert habe, habe ich beispielsweise das Grenzdurchgangslager Friedland besucht. Die Dame, die mich dann durch das Museum geführt hat, machte mich damals auf einen Arzt aufmerksam, Carl Clauberg, der in Auschwitz an Frauen geforscht und Hunderte Zwangssterilisationen vorgenommen hat. Im Jahr 1955 kam er unter Adenauer als Spätheimkehrer aus 42 sortimenterbrief 6/22

toms und gretchens geschichte geht weiter Russland zurück und wurde sozusagen durchgewunken. Diese Geschichte hat mich wie viele andere erschüttert. Das NS-Regime war eine Menschenversuchs- und Zuchtanstalt: Die einen wurden als „„lebensunwert“ etikettiert und umgebracht, die anderen wie am Fließband unfruchtbar gemacht, und dann gab es die, die extra Heimaturlaub bekamen, um zu Hause „arische“ Kinder zu zeugen. Zum Thema Reproduktionsmedizin spannen Sie im Buch einen weiten Bogen, der bis in die Gegenwart reicht. So sieht sich Ihr Protagonist Thomas plötzlich damit konfrontiert, als er entdeckt, dass er einen Halbbruder hat. Abel: Zu diesem Erzählstrang hat mich insbesondere der kanadische Dokumentarfilm Bio-Dad inspiriert, den ich vor einigen Jahren gesehen habe. Er handelt von einem Mann, der Mitte 50 erfährt, dass sein biologischer Vater der Inhaber einer Samenbank ist, der nicht nur seine Mutter mit seinen eigenen Spermien behandelte, sondern auch viele andere Frauen. Auf diesem Weg zeugte er über 600 Kinder. Auch dieses Thema hat mich seitdem nicht mehr losgelassen. Immer wieder kommt es im Rahmen der Reproduktionsmedizin zu unsäglichen Skandalen, was von der Weiterentwicklung in der Medizin und der Gentechnik befeuert wird. Was Sie als Schriftstellerin besonders antreibt, ist das Anschreiben gegen die Sprachlosigkeit und das Verdrängen der Vergangenheit. In Ihrem Nachwort sprechen Sie von der „zerstörerischen Sprengkraft des Schweigens“. Abel: Wie in vielen anderen Familien wurde auch in meiner über Wesentliches, Traumatisches nicht gesprochen. Das Schweigen ist somit Teil meines Erbes. Wie ich es aber auch in meinem Buch schreibe: Alles kommt irgendwann ans Tageslicht, ob man dies möchte oder nicht. Neben den fiktiven Protagonist:innen finden sich in Ihrem Buch auch historische Personen, die Sie durch das Schreiben dem Vergessen und Verschweigen entreißen. Besonders im Gedächtnis bleibt die Episode um einen jüdischen Buben, der im Alter von acht Jahren von Hitlerjungen zu Tode geprügelt wurde. Wie sind Sie auf ihn gestoßen? Susanne Abel Was ich nie gesagt habe Gretchens Schicksalsfamilie 560 Seiten, Hardcover 978-3-423-29023-4, ca. € 23,70 | dtv ET: 15. Juni Abel: Auf den kleinen Hans Abraham bin ich durch einen Stolperstein in der Trajanstraße in Köln aufmerksam geworden. Ich habe seine Geschichte im Buch erwähnt, weil ich ihm zumindest so ein kleines Denkmal setzen wollte. Dieses schreckliche Schicksal musste im Nachhinein gewürdigt werden. Das Verweben von Geschichte und Fiktion ist für Schriftsteller:innen historischer Romane seit jeher eine delikate Angelegenheit. Wie gehen Sie dabei vor? Abel: Am Anfang steht immer eine sehr intensive Recherche, bei der ich mich mit Informationen sozusagen vollsauge. Dabei sammle ich auch die Charakterzüge und Merkmale der Menschen, die ich für das Buch entwerfe. Wenn ich dann schreibe, tauche ich in die Welt, die ich erschaffe, voll und ganz ein und erlebe sie wie einen Film. Bei meinen Figuren, die als Zeitzeugen der beschriebenen Epoche auftreten, ist es mir extrem wichtig, dass ich ihnen mit Respekt begegne. Ich möchte sie auf keinen Fall benutzen. Ihre Biografie ist sehr interessant: Sie waren Erzieherin, machten eine Ausbildung zur Puppenspielerin und kamen schließlich über das Theater zum Fernsehen, wo Sie als Autorin und Regisseurin zahlreiche Dokumentationen gemacht haben. Wie sind Sie letztlich zum Schreiben gekommen? Abel: Meine Arbeit beim Fernsehen hat mich immer weniger erfüllt, und ich war schon lange auf der Suche nach etwas, das ich wirklich machen möchte. Schreiben wollte ich schon immer, aber dafür fehlte mir die Zeit und in gewisser Hinsicht bestimmt auch der Mut. Die Themen, die ich in meinem ersten Roman behandle, haben mich lange Zeit beschäftigt. Irgendwann habe ich dann all meinen Mut zusammengenommen, um das, was mich bewegt, zum Ausdruck zu bringen. Beim Schreiben habe ich gemerkt, wie sehr es mich erfüllt, welch großes Geschenk es für mich bedeutet. Und so war für mich bald klar, dass ich weiterschreiben möchte. Wird es eine Fortsetzung der Gretchen- Romane geben? Abel: Die Familiengeschichte rund um Gretchen ist für mich auserzählt, aber es gibt bereits viele Themen, die mir im Herz und Kopf herumschwirren und die Stoff für mein nächstes Buch sein könnten. Herzlichen Dank für das Gespräch! sortimenterbrief 6/22 43


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