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sortimenterbrief März 2020

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Das österreichische Branchenmagazin für Buchmarkt, Buchverkauf und Buchwerbung. Ausgabe März 2020.

uchrezension

uchrezension www.barbara-brunner.at Der aktuelle Lesetipp von Dr. Barbara Brunner Die faszinierende Geschichte des tschechischen Schuhfabrikanten Jan Antonín Bat’a Liebe Leute, es gibt Bücher, die mich immer wieder überraschen, mich unglaublich berühren, mir Dinge erzählen, von denen ich keine Ahnung gehabt habe, und die mich für die Stunden des Lesens in eine mir völlig fremde Welt einladen, in der ich mich am Ende fast zu Hause fühle. Ein solches Buch ist der Roman Mit Bat’a im Dschungel von der tschechischen Autorin Markéta Pilátová, in der sie die abenteuerliche Geschichte der Familie Bat’a erzählt. Bata steht heute für ein weltumspannendes Schuh-Imperium mit Hunderttausenden Mitarbeitern, gegründet in der kleinen mährischen Stadt Zlín. Die Hauptfigur des Romans, Jan Antonín Bat’a, hat in der zweiten Generation die Firma international aufgestellt, hat nicht nur Fabriken, sondern auch eine ganze Reihe von Städten für seine Angestellten gegründet und ist in den Wirren des 20. Jahrhunderts unter fast alle politischen Räder geraten, sodass ihm „nur“ noch seine Firmenund Städtegründungen in Brasilien geblieben sind. Markéta Pilátová lässt Jan Antoníns Geist zu Wort kommen, seine Töchter, Schwiegersöhne, Enkeltöchter, sogar seine Fabrik in Zlín bekommt eine Stimme. Daraus ergibt sich eine wundersame Polyphonie an Geschichten, manche voll des Humors, manche nachdenklich, manche aufregend, aber immer wieder wird man von den Schicksalen dieser Familie gefesselt sein. Dass Jan Antonín als Patron der Familie auch gerne ein Dichter gewesen wäre und viele ziemlich schlechte Gedichte hinterlassen hat, macht ihn nur noch liebenswerter. Es ist eine tolle Geschichte, und wie es dazu kam, erzählt Markétá Pilátová am Ende des Buches: „Als ich vor zehn Jahren in der brasilianischen Kleinstadt Nova Andradina aus dem Nachtbus stieg, wartete dort ein Jeep auf mich. In dem Jeep saß eine freundlich lächelnde, vor Energie strotzende Frau, die sich mir als Dolores Bat’a vorstellte, die älteste Enkelin Jan Antonín Bat’as. (...) Ich sollte Dolores und andere Nachkommen der Bat’as im zehn Kilometer entfernten Bat’a-Gutwasser – oder Batayporã – in Tschechisch unterrichten. Seit diesem ersten Abend, an dem ich erfuhr, dass Jan Antonín Bat’a nicht jener Bat’a war, der die Zlíner Fabrik gegründet hatte, sondern sein Stiefbruder und Nachfolger, bekam ich Dolores und ihre Geschichten vom Großvater nicht mehr aus dem Kopf. Ich wollte einen Roman darüber schreiben. Und so begann ich, mir eine Vorstellung von Jan Antonín Bat’a zu machen. Sie konkretisierte sich nach und nach an den heißen Sommernachmittagen, an denen ich mit Dolores starken brasilianischen Kaffee trank und sie sich zurückerinnerte, manchmal dabei zu weinen anfing oder im Gegenteil heftig darüber lachen musste, dass sie wie ihr Großvater ein ostmährisch gefärbtes Tschechisch sprach. „Nu, was willste machen“, beendete sie unsere Sitzungen meistens. Und dann, Jahre später, begann Jan Antonín Bat’a auf einmal zu mir zu sprechen. Manchmal erzählte er in seinem Dialekt, dann wieder im geschliffenen Tschechisch seiner Reden und Artikel. Vermutlich hatten das die Schachteln bewirkt, die voll waren mit seinen Briefen, seinen Aufsätzen über den Menschen im Industriezeitalter und den Fabrikbau sowie mit seinen Gedichten, und die ich alle las, um ihn endlich hören zu können. Doch es wäre nicht Jan Antonín gewesen, hätte er nicht seine Geschichte selbst und auf seine Weise erzählen wollen. Also ließ ich ihn. Immerhin war er rund fünfzig Jahre lang kaum zu Wort gekommen. Und ich bemühte mich, in die trockenen historischen Fakten seine Ansichten und sein Bild hineinzuschmuggeln, wie es besonders seine Töchter Ludmila und Edita und seine Enkelin Dolores heraufbeschworen. (...) Ich las die Tagebücher seiner Tochter, in die Dolores nicht hineinzuschauen wagte, und entdeckte darin die so fragile wie berührende Beziehung zu dem großen tschechischen Pianisten Rudolf Firkušný, aber auch zu anderen Männern. Ich probierte die Kochrezepte seiner Frau Maja aus. Ich blätterte durch die Alben mit den Fotos der Bat’a-Fabrikdirektoren, die mit handschriftlichen Bemerkungen des großen Chefs versehen waren. Ich drückte vorsichtig auf die Tasten seiner Schreibmaschine und klimperte ein paar Töne auf dem Flügel seiner Tochter. Die Einbände der alten Noten zerbröselten mir unter den Fingern. Und während vieler Tage amüsierten und ergriffen mich Jan Antoníns Gedichte, die fast mehr von Tagebucheinträgen als von Lyrik haben. Manchmal notierte ich mir Fragen, und Dolores gab darauf Antwort. Mit jeder Antwort kamen neue Erinnerungen hoch, Anekdoten, Stimmungen, winzige Situationen. Einige stellte ich mir nur vor, und dann erfuhr ich, dass sich etwas ganz Ähnliches zugetragen hatte. Oder dass es sehr gut hätte sein können. (...) Wir wollten einfach nur, dass Jan Antonín Bat’a das Wort bekommt. Dass er reden konnte, wie ihm der Schnabel gewachsen war, und aussprechen konnte, was er so lange zurückgehalten hatte. Es ist seine und unsere Version der Geschichte. Sie beruht auf der Wirklichkeit und auf etwas so Trügerischem, Subjektivem wie die menschliche Erinnerung.“ Was mich wundert: Dass sich Netflix noch nicht die Rechte an dieser Geschichte gesichert hat – was ist „Bad Banks“ dagegen ... Herzlich Barbara Brunner ca. 280 Seiten, Hardcover, mit Lesebändchen ISBN 978-3-99029-382-9 € 21,– | Wieser ET: 15. März 68 sortimenterbrief 3/20

Zum Abschied In tiefer Betroffenheit geben wir bekannt, dass Frau Michaela Puchberger am 10. 2. 2020, nach kurzer, schwerer Krankheit, unsere Welt für immer verlassen hat. Wir nehmen Abschied von einer großartigen Kollegin und Freundin! Sie hat uns viele Jahre in der Dr. Franz Hain Verlagsauslieferungen GmbH geführt und begleitet. Mit Michaela verlieren wir eine bewundernswerte Frau, die durch ihr hohes Verantwortungsbewusstsein und ihre Hilfsbereitschaft, ihre Begeisterung und Liebe zu Büchern, ihre Freundlichkeit und ihren Humor von uns allen hoch geschätzt wurde. Sie war – und bleibt – ein Teil von uns! Liebe Michi, wir vermissen Dich und danken Dir von ganzem Herzen für die gemeinsame Zeit! Und immer, wenn wir von Dir sprechen, fallen Sonnenstrahlen in unsere Herzen und halten Dich fest umfangen, so, als wärst Du nie gegangen. Deine Freundinnen & Freunde aus den alten Hain-Zeiten

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