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sortimenterbrief März 2022

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Das österreichische Branchenmagazin für Buchmarkt, Buchverkauf und Buchwerbung. Ausgabe März 2022.

© Alice Vogel Ossi

© Alice Vogel Ossi Hejlek im Gespräch mit Julia Reichert Kurzweilig und leicht verständlich: Neurowissenschaft für den Alltag Mit Hirn to go ist eine sehr humorvolle und spritzige Begegnung mit dem menschlichen Gehirn entstanden. Wie kam es dazu? Reichert: Ich begann vor drei Jahren zu schreiben, was mich zum Thema Gehirn interessierte und bewegte ... Sukzessive entstand die Struktur des Buches. Es sind im Wesentlichen Alltagsphänomene, die ich beschreibe und neurowissenschaftlich beleuchte. Ich habe vor Jahren Darm mit Charme gelesen. Diese humorvolle Herangehensweise bei der Vermittlung von Wissen hat mich inspiriert. Ich habe mein Buch nach unterschiedlichen Lebensbereichen strukturiert, zu denen es jeweils viele Beispiele gibt. Der letzte Teil des Buches wendet sich in Richtung Zukunft – wie und wohin sich unsere Gehirne entwickeln werden. Dabei gehe ich auch auf philosophische Aspekte ein. Klar könnten wir alle Vorsätze einhalten. Doch zu einer Verhaltensänderung braucht es eine tiefe Überzeugung. Dass die Erkenntnis genau auf den ersten Tag des Jahres fällt, ist sehr unwahrscheinlich. Wäre ich jedoch tatsächlich der tiefen Überzeugung, dass beispielsweise Rauchen für mich schlecht ist, dann würde ich sofort damit aufhören – nicht erst an einem bestimmten Datum. Warum agieren Männer selbstbewusster als Frauen – wie Sie schreiben? Reichert: Das ist tatsächlich auf den Testosteronspiegel zurückzuführen. Das Testosteron unterdrückt eine gewisse Rückkoppelungsfunktion. Frauen kontrollieren sich die ganze Zeit selbst, reflektieren ständig ihre Handlungen. Das machen Männer viel weniger. Was macht Homeoffice schwierig? Julia Reichert, geb. 1993 in Hamburg, hat Germanistik und französische Philologie in Potsdam und Paris studiert, Flüchtlinge unterrichtet und ab 2018 Neurowissenschaften der Sprache in Nordspanien studiert. Seit 2019 wohnt sie in München und arbeitet als Autorin. Sie schreibt u. a. für die Münchner Abendzeitung. Advertorial Warum ist es beispielsweise leichter, schlecht drauf zu sein als gut? Reichert: Wir Menschen haben mehr Facetten an negativen Emotionen als an positiven. Wir sind von Natur aus darauf gepolt, schlecht drauf zu sein – einen natürlichen Fokus auf potenziell Schlechtes zu haben. Diese Einstellung bewahrte uns in früher Vorzeit vor dem Tod. Man war ausgerichtet, wachsam zu sein, ständig darauf zu achten, wo etwas Gefährliches lauern könnte. Sozusagen: Pessimismus als Überlebensstrategie ... Warum können wir Neujahrsvorsätze nur ganz schlecht einhalten? Reichert: Dieses Kapitel mag ich persönlich sehr gerne – da fühlt sich jeder irgendwie ertappt, ich auch (lacht)! Reichert: Das Gehirn ist ein Gewohnheitstier. Richtet man etwa seinen Arbeitsplatz im Schafzimmer ein, sieht man permanent sein Bett, und das Gehirn denkt sich: „Ah, Zeit zum Schlafengehen ...“ Nicht sehr produktiv (lacht)! Kann man Alzheimer und Demenz vorbeugen bzw. beeinflussen? Reichert: Neue Studien besagen, dass man durch das Erlernen von Fremdsprachen oder anderen komplexen Dingen, wie beispielsweise einem Musikinstrument, Alzheimer um fünf Jahre nach hinten verschieben kann – sofern man die Krankheit überhaupt bekommt. Je mehr man sein Gehirn fordert, umso fitter ist es auch im Alter. Danke für das Gespräch! 12 sortimenterbrief 3/22

so tickt unser gehirn Leseprobe Sei ein überglückliches Honigkucheneinhorn! Warum wir lachen und weshalb wir viel mehr lachen sollten Es gibt keinen Weg zum Glück. Glücklichsein ist der Weg. – Buddha Grimmiges Gesicht, der Blick haftet ein paar Meter vor ihm auf dem Boden. Schnellen Schrittes bewegt sich der graue Anzugträger vorwärts. „Guten Morgen!“, grinse ich ihn an, und er bleibt eine Millisekunde verdattert vor mir stehen, erwidert sprachlos meine Begrüßung, murmelt etwas vor sich hin und zieht weiter. Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen ist es, fremde Menschen in deutschen Großstädten auf der Straße zu begrüßen. Augenkontakt? Verwerflich! Ein nettes Lächeln? Fatal! Eine herzliche Begrüßung? Wie kann man nur! Haben wir verlernt, aufgeschlossen und glücklich zu sein? Dabei ist Lachen doch so gesund. Oder nicht? Lachyoga, das ist kein Scherz! In Indien ist es längst keine Einzelerscheinung mehr: Das sogenannte Lachyoga hat sich den Weg zum Volkssport erkämpft, und das mittlerweile auch in Europa. Beim Lachyoga treffen sich Menschen aller Altersgruppen zum gemeinsamen Lachen und Umarmen. Das vorerst künstliche Lachen geht nach wenig Übung in ein echtes Lachen über. Was wäre das für eine Welt, in der wir einander gegenseitig begegnen, anlächeln und umarmen würden, den Bekannten wie auch den Fremden auf der Straße? Wenn wir einander gegenseitig Freiraum, Verständnis und Toleranz entgegenbringen würden? Wenn wir uns miteinander und füreinander mehr freuen würden? sortimenterbrief 3/22 * * * Betrügen leicht gemacht: Unser Gehirn kann man manchmal ganz leicht austricksen. Es kennt den Unterschied zwischen echtem und gespieltem Lachen nicht, das heißt auch, wenn du dich mal nicht so fit fühlen solltest, lächle! Es steckt dich selbst und andere an, und aus dem unechten Lächeln wird ein echtes. * * * Wieso lachen Menschen? Diese Situation kennst du bestimmt: Du siehst dir allein eine Komödie an und an manchen Stellen musst du schmunzeln. Siehst du dir dieselbe Komödie mit Freunden an, musst du viel häufiger und heftiger lachen. In Gesellschaft lachen wir dreißigmal mehr als allein – kein Wunder also, dass wir uns in Isolation schnell betrübt und deprimiert fühlen. Wir lachen schon, bevor wir sprechen können. Wir sind soziale Wesen, und Lachen verbindet uns. An der Art, wie wir lachen, lässt sich sogar der Grad unserer Freundschaft festmachen. Wir lachen also mit einem Fremden anders als mit unserem besten Freund. In den meisten Fällen lachen wir nicht einmal über einen Witz oder eine lustige Situation, sondern nur, weil unser Umfeld gerade lacht. Gemeinsames Lachen vermittelt Harmonie: Hey, wir verstehen uns gut, alles ist im grünen Bereich. Diese Art des Understatements war früher wichtig für unser Überleben. Trafen wir in der Steinzeit einen Fremden, mussten wir schnell klären, ob er eine Bedrohung darstellte und mit wem er noch verbündet war. * * * Fun fact: Wissenschaftler haben herausgefunden, dass der Orbitofrontale Cortex (Emotionen, Belohnungszentrum, Entscheidungsprozesse) aktiviert wird, sobald man eine lächelnde Person sieht. Mit anderen Worten: Sehen wir eine lächelnde Person, fühlen wir uns selbst dafür belohnt. * * * Was bringt uns zum Lachen? Lachen ist ansteckend. Es reicht, dass unser Gegenüber lacht, und wir lachen mit. Wir lachen aber auch über Witze. Überrascht uns ein Witz mit seiner Pointe oder hören wir etwas ganz anderes als das, was wir erwartet haben, dann prusten wir los. Wo sitzt unser Humor? Es gibt vermutlich nicht die eine Region, die für unseren Humor verantwortlich ist. Zwar fand man bei einer Hirn-OP heraus, dass die Patientin immer lachen musste, sobald ein zweimal zwei Zentimeter kleiner Bereich in ihrer linken Gehirnhälfte stimuliert wurde, was darauf schließen ließe, dass diese Region fürs Lachen verantwortlich ist. Allerdings zeigte sich ein anderer Bereich immer besonders aktiv, wenn Humor verarbeitet wurde. Je nachdem, weshalb man lacht, sind unterschiedliche Hirnareale aktiv. Bei einem Wortwitz beispielsweise sind die Areale für Sprachverarbeitung aktiver als andere. (...) Julia Reichert Hirn to go Was wir von listigen Hirnforschern und smarten Prostituierten lernen können 164 Seiten, Hardcover, 978-3-8000-7790-8 € 17,– (A) | Carl Ueberreuter Verlag 13


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