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sortimenterbrief März 2022

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Das österreichische Branchenmagazin für Buchmarkt, Buchverkauf und Buchwerbung. Ausgabe März 2022.

© Privat

© Privat 1722–2022 Von einer kleinen Buchhandlung zum großen Verlagshaus Ossi Hejlek im Gespräch mit GU Vertriebsleiter Sortiment Jan Wiesemann 300 Jahre Wachstum Eine Büchersendung mit der Postkutsche brauchte Anfang des 18. Jahrhunderts vom deutschen Buchhandelszentrum Leipzig ins ostpreußische Königsberg für 660 Kilometer 22 Tage. Die Kunden wollten ihr Buch aber sofort haben. Aus dieser – bis heute aktuellen – Situation heraus entwickelte Christoph Gottfried Eckart die innovative Idee einer Buchhandlung als „Vorratskammer der nützlichsten und brauchbarsten Bücher.“ Auswahl und Verfügbarkeit – möglichst viele Titel vorrätig zu halten und nicht erst bestellen zu müssen – wurden zum Grundstein seines Erfolgs. Innerhalb weniger Jahre wird Eckart zum führenden Buchhändler Königsbergs und bleibt bis 1745 ohne ernstzunehmende Konkurrenz. Mit seinem am 20. Juli 1722 durch königliches Privileg im Kneiphof an der Schmiedebrücke gegründeten Buchladen beginnt die Geschichte vom „Haus der Bücher“, als das das spätere Unternehmen Gräfe und Unzer in den 1920er bis 1940er Jahren über die Landesgrenzen hinaus bekannt wird. * * * Wie ging es in der Geschichte nach der Buchhandelsgründung weiter? Wiesemann: Durch die Verfügbarhaltung der Bücher stieg Eckart schnell zu einem der führenden Buchhändler Königsbergs auf und blieb bis 1745 ohne ernstzunehmende Konkurrenz. Damals brauchte man Tauschware, um an Messen teilnehmen zu können. Man benötigte einen eigenen Verlag, um überhaupt andere Bücher zu bekommen. Das erste Buch brachte er 1722 heraus – es trug den Titel Historische Erkänntniß des Christenthums. Die Wurzeln des GU Ratgeberverlags gingen auf das im Jahr 1740 verlegte Buch Teutscher Gärtner zurück. Der Verfasser war kein Geringerer als der Hofgärtner des Mainzer Erzbischofs. 1722 1740 26 sortimenterbrief 3/22

Aus heutiger Sicht amüsant klingt ein weiterer Titel der damaligen Zeit, Der nützliche Zeitvertreib auf dem Kranken- und Sterbebette ... Wiesemann: Damals waren die Bücher alle etwas theologisch angehaucht. Dieses Buch war eigentlich der erste Lebenshilfe- Ratgeber unseres Verlages – erschienen 1753. Können Sie ein paar Punkte skizzieren, die besonders oder wichtig waren – 300 Jahre im Schnelldurchlauf, sozusagen? Wiesemann: Besonders war sicherlich, dass in jener Zeit, als sich die Buchhandlung im ehemaligen Löbenicht’schen Rathaus befand, der Vielleser und bedeutendste Philosoph der Aufklärung, Immanuel Kant, in den Jahren 1766–69 in der Mansarde unter dem Dach wohnte. Die Buchhandlung galt damals als Mittelpunkt des Königsberger Geisteslebens. Man kam gerne, auch um sich über Neuerscheinungen zu informieren, nutzte die Buchhandlung auch als eine Art Lesezimmer. Eigentlich schade, dass Buchhandlungen als Kommunikations-Treffpunkt für die geistige Elite heute nicht mehr fungieren – von Ausnahmen abgesehen. Wiesemann: Königsberg war damals ein Schmelztiegel der Nationen. 1832 werden dann die späteren Namensgeber zu den Besitzern des Geschäfts: der seit 1794 bei Hartung angestellte August Das Verlagsgebäude: links 1930, rechts in München Haidhausen 2000 Wilhelm Unzer und sein Schwiegersohn, der Hamburger Heinrich Eduard Gräfe, an den er das Geschäft am 1. Januar 1832 verkauft. Unzer war kein herausragender Verleger, führte sein Unternehmen als Patriarch – aber sehr sozial. 1867 zog die Buchhandlung dann an den Paradeplatz um, wo sie gegenüber der königlichen Universität residierte. Der Paradeplatz war bis dahin der königliche Lustgarten. Mit der neuen Universität entstand dort ein pulsierendes Stadtviertel – die Buchhandlung mittendrin am Puls der Zeit. Nach dem Tod Gräfes 1867 und mehreren Besitzerwechseln begann 1902 mit dem Einstieg des einstigen Lehrlings Otto Paetsch als Teilhaber dann eine neue Zeit. Eigentlich wollte er Schauspieler werden, musste aber „etwas Gescheites“ lernen. In der Buchhandlung entfaltete Paetsch regelrecht sein Genie, als Visionär und als Kaufmann – auch durch sein enormes Organisationstalent. Er war es, der das spätere „Haus der Bücher“ erfand. Das Geschäft wurde 1921 eröffnet. Es war mit 300.000 Büchern auf fünf Etagen die größte Buchhandlung Europas. 300 jahre lieblingsbücher Was war dabei das Neue, das Paetsch umsetzte? Wiesemann: Er machte die Buchhandlung für die Kunden zugänglich. Zuvor musste man, wenn man ein Buch wollte – wie in einer Apotheke heute –, zu einer Theke und dort seinen Wunsch äußern. Der Buchhändler verschwand dann ins Lager, von wo aus dieser dann mit dem Buch zurückkehrte. Paetsch wollte, dass die Kunden selbst an die Regale gehen konnten. Paetsch begann damals auch, Leseinseln zu schaffen, wo Kunden sich hinsetzen und in Büchern schmökern konnten. Das war neu in diesen Zeiten. Man kann sich das heute schwer vorstellen. Natürlich hatte man im ganzen Haus Regale. Außerdem gab es auch eigene Holzbretter, wo damals schon Frontalpräsentation stattfand. Paetsch animierte die Kunden, Bücher anzufassen ... Man hatte für die fünf Stockwerke einen eigenen Mini-Bücheraufzug, wie man es vielleicht aus Schuhgeschäften kennt. Paetsch beflügelte auch die Verlagsproduktionen – allein von 1922 bis 1929 erschienen 67 Werke. Auf Paetsch folgte Bernhard Koch, unter dem der Name „Haus der Bücher“ geprägt wurde. Damals arbeiteten 160 Mitarbeiter auf 1.400 m². Nach dem Krieg war alles verloren. Bernhard Koch machte einen Neustart in Bayern, in Bad Wiessee. Er holte dann 1955 den Wiener Kurt Prelinger in den Verlag und bestimmte ihn 1961 zu seinem Nachfolger ... 1941 1973 1978 2010 2021 sortimenterbrief 3/22 27


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