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sortimenterbrief November 2021

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Das österreichische Branchenmagazin für Buchmarkt, Buchverkauf und Buchwerbung. Ausgabe November 2021.

© Andreas Jäger privat

© Andreas Jäger privat Ossi Hejlek im Gespräch mit Andreas Jäger »Eine Erwärmung um 2 Grad werden wir erleben. Mehr darf es nicht werden!« Wo sind Sie im Moment überall beruflich tätig? Jäger: Ich mache regelmäßig Moderationen und Dokumentationen für ORF3. Parallel dazu halte ich eine ganze Reihe von Klimavorträgen. Damit begann ich schon vor 20 Jahren, als ich noch bei Ö3 war, und habe nie aufgehört. Im Moment sind es zwei bis drei pro Woche. Das Thema Klimakrise kocht gerade sehr hoch. Derzeit wird das Wetter in den Hintergrund gedrängt, dafür sind Themen wie Klima und Wissenschaftsjournalismus umso präsenter in meinem Leben. Die Form, in der Sie die Themen im Buch behandeln, ist großartig. Einerseits, indem Sie Fragen stellen und beantworten. Andererseits, indem die vielen relevanten Faktoren in kleinen Wissenseinheiten verpackt wurden ... Jäger: Man kann ein Kapitel lesen oder vor dem Schlafengehen auch nur ein paar Seiten. Fast auf jeder Doppelseite findet man einen abgeschlossenen Gedanken behandelt. Ich habe ja Meteorologie studiert, dazu gehört auch die Klimatologie. Am schwierigsten war die Entscheidung, wie tief ich bei den einzelnen Punkten einsteigen soll. Einerseits ausreichend, um ein Verständnis zu bewirken – andererseits aber nicht zu ausufernd, um die Leserschaft nicht zu überfordern. Die Klimatologie hat sich in den letzten 30 bis 40 Jahren von einer Orchideen- zu einer Leitwissenschaft entwickelt, weil das Thema wahrlich unter den Nägeln brennt. Sie blicken ja auch zurück auf die Eiszeiten. Was haben die Klimakapriolen aus der Vergangenheit mit heute bzw. der Zukunft zu tun? Jäger: Sie haben uns ganz klar geprägt. Es gab immer Klimaschwankungen zwischen Eiszeiten und Warmzeiten – 2,6 Millionen Jahre lang. Aber es war immer entweder kälter oder so warm wie heute. Es war nie wärmer. Es gab immer Schwankungen nach unten. Durch den Treibhauseffekt schießen wir uns aus dem gewohnten System heraus und gehen in Temperaturbereiche, in denen wir noch nie waren. Kulturell haben wir uns ja erst in den letzten 11.000 Jahren entwickelt. Davor passte das Klima nicht. Auch nicht für die Ernährung. Unsere Landwirtschaft basiert auf Pflanzen wie Kartoffeln, Mais, Reis, die ein subtropisches Klima brauchen. Sie sprechen im Buch von Hitzefalle und Heißzeit. Wie warm wird es? Jäger: Die Frage ist, ob es in unserer Alpenregion nur zwei Grad – oder vielleicht fünf Grad wärmer werden wird. Bei fünf Grad Erwärmung wären die Folgen enorm. Es verändert sich ja jetzt schon einiges. Die Sommer wurden viel wärmer. Wir haben ein Jahresmittel in Österreich von elf bis zwölf Grad. Ab 28 sortimenterbrief 11/21

ein appell, denn jetzt geht es sich noch aus ungefähr 29 Grad Jahresmittel-Temperatur gibt es kein Leben mehr. Diese Landstriche gibt es in den Wüsten heute schon. Wenn sich das Jahresmittel weltweit um drei bis fünf Grad erhöht, werden diese Bereiche so groß, dass sich über drei Milliarden Menschen in Zonen befinden, in denen sie nicht mehr leben können. Das passiert in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts, wenn wir ohne Rücksicht auf Verluste so weitermachen wie bisher. Die Folge ist, dass in diesen Gebieten auch die Ernährung nicht mehr funktioniert, drei Milliarden Menschen sich daher auf Wanderschaft begeben werden. Wir alle werden die Erwärmung um zwei Grad erleben – unsere Kinder, wenn sich nichts ändert, Ende des Jahrhunderts sogar einen Anstieg um bis zu fünf Grad. Was wäre somit das Ziel? Jäger: Es zu schaffen, dass die Erwärmung weltweit im Durchschnitt um bzw. unter zwei Grad bleibt. Ist es so, dass die Menschen in den Industriestaaten die Gefahr nicht deutlich genug erkennen, weil sie zu fern ist – und zwar geografisch wie auch den Zeithorizont betreffend? Jäger: Ich habe dafür in meinen Vorträgen immer Verständnis gezeigt. Zwei Grad mehr klingt nicht so schlimm. Aber jeder erkennt schon heute, wie sich das Klima bereits verändert hat – und die damit einhergehenden Auswirkungen. Die Sommer sind viel öfter entweder sehr heiß oder sehr regnerisch. 2002 hatten wir das schwerste Hochwasser mit Schäden von 2,7 Milliarden Euro alleine in Österreich, 2003 einen Jahrtausend-Sommer, 2005 Alpenhochwasser in Vorarlberg, Tirol und in der Schweiz, 2010 Hochwasser in Tschechien, Polen und Deutschland, 2015 und 2019 enorme Sommer, 2021 schwerste Waldbrände als Folge von 46 Grad in Kanada, schwerste Überschwemmungen in Deutschland und auch in Salzburg, schwerste Waldbrände (so groß wie die Fläche der Schweiz) in Russland, schwere Überschwemmungen in China ... So sieht der globale Fußabdruck des Klimawandels heute schon aus. Verändern sich auch die Wettersysteme, wenn es zwei Grad wärmer wird? Jäger: Ja, es wird langsamer und zäher. Wir haben als Folge entweder starken anhaltenden Regen mit Überschwemmungen, oder wir haben Dürren. Sechs Wochen heiter bei 25 Grad ist ein feiner Sommer. Sechs Wochen schön bei 35 Grad ist eine Katastrophe – das Potenzial dafür ist vorhanden. Wir kennen in den Alpen keine Wasserknappheit, aber sie wird kommen. Nicht das ganze Jahr, aber im Sommer. Seit 30 Jahren gibt es keine Sommer mehr, wie man sie noch in den 1990er-Jahren erlebt hat. Bis dahin gab es 250 Jahre keine Sommernacht, in der die Temperaturen nicht unter 20 Grad abfielen. Dieser Temperaturabfall in der Nacht bleibt jedoch immer mehr aus. Im Jahr 2050 wird Wien die Sommer von Mazedonien haben. Das ist gesetzt. Wir müssen aber heute alles dafür tun, damit es nicht schlimmer wird. Wie wirkt sich das alles auf den Meeresspiegels aus? Jäger: Der Meeresspiegel steigt. Man nimmt sogar an, dass der Kipppunkt dabei bereits überschritten ist und der grönländische Eisschild abschmilzt, egal, was jetzt noch unternommen wird. Die Frage ist, wie schnell dies geschieht. Sind es hundert, ein paar hundert oder 2.000 Jahre? Es gibt Berechnungsmodelle, jedoch weiß man nicht, wann das Eis geschmolzen sein wird. Das hängt davon ab, wie sehr wir den Klimawandel bremsen oder ob wir ihn weiter befeuern. Wenn es so weit ist, steht der Meeresspiegel am Ende sieben Meter höher! Das Eis in Grönland ist mehrere Kilometer dick. Bei sieben Metern versinken mehrere Millionenmetropolen. Da kommt es letztendlich darauf an, ob ich mich darauf 200 oder 2.000 Jahre vorbereiten kann. Bei zwei Grad mehr geht es doch auch dem Schifahren an den Kragen? Jäger: Schigebiete um die 1.000 Höhenmeter werden zusehends große Probleme bekommen. Mit neuen Technologien, beispielsweise Snowfarming, konnte man bislang der Erwärmung entgegenwirken. Man wird auf Dauer wahrscheinlich mit dem Schifahren in die 2.000er-Regionen ausweichen müssen. Wenn die Temperatur in der Nacht nicht auf null Grad absinkt, geht sich das Beschneien nicht mehr aus. Und die Wintersaison wird in Richtung Frühjahr temperaturbedingt um ein bis zwei Monate kürzer werden. Oft hört man: Was soll ich als Einzelner tun, wenn in der Ferne von Milliarden Menschen die Luft verpestet wird? Jäger: Ich bin absolut davon überzeugt, dass wir das CO2-Problem in den Griff bekommen können. Es gibt viele technische Entwicklungen, die ich auch im Buch beschreibe. Es versteht sich grundsätzlich als positives Mutmach-Buch, als Appell an jeden, etwas zu tun – denn jetzt geht es sich noch aus! Danke für das Gespräch! Andreas Jäger die alpen im fieber Die 2-Grad-Grenze für das Klima unserer Zukunft Bergwelten 2021, 256 Seiten, Hardcover 978-3-7112-0032-7, € 32,– sortimenterbrief 11/21 29

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