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sortimenterbrief November 2021

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Das österreichische Branchenmagazin für Buchmarkt, Buchverkauf und Buchwerbung. Ausgabe November 2021.

© Alice Schumacher, NHM

© Alice Schumacher, NHM © NHM Wien © privat Teresa Petrovitz im Gespräch mit Iris Feichtinger und Jürgen Pollerspöck Advertorial »Fossilien begeistern uns – und es gibt immer noch Neues zu entdecken« Aus einem sehr unterschiedlichen Background heraus haben Sie sich für dieses Buchprojekt zusammengefunden, in dem sich Ihre Leidenschaft für die Erforschung prähistorischer Hai-Arten widerspiegelt. Seit wann ist dieser Forschungszweig Teil Ihres Lebens und wie kam es dazu? Feichtinger: Versteinerte Lebewesen und das beinahe unvorstellbare Alter, welches die Fossilien aufweisen, haben mich bereits in meiner Kindheit in den Bann gezogen und fasziniert. Die Leidenschaft für Haie entpuppte sich erst während einer Exkursion, bei der ich zum ersten Mal eigene Haizähne gefunden habe. Die Vorstellung, dass Österreich (geologisch gesehen) vor nicht allzu langer Zeit noch von einem Meer bedeckt war und diese eleganten Tiere dessen Tiefen durchglitten, fasziniert mich bis heute. Pollerspöck: Ich bin in Oberbayern nahe Salzburg aufgewachsen. Gemeinsam mit einem Nachbarn habe ich dort als Schüler den unter Fossiliensammlern berühmten Schlößl-Bruch besucht und war sofort gefesselt von den tollen Versteinerungen, die man dort finden konnte. Neben Muscheln, Schnecken, Seeigeln und Krabben waren natürlich die Haifischzähne die „Hai-Lights“ und die Krönung eines jeden Sammlerbesuches. Seit dieser Zeit bin ich fasziniert von diesen beeindruckenden Jägern. Im Laufe der Zeit habe ich mich dann insbesondere auf die heute noch lebenden Tiefseehaie und deren versteinerte Ahnen spezialisiert. Ihre Forschungen wurden vor allem durch wichtige und aufsehenerregende Funde in den letzten Jahren vorangetrieben, die auch viele neue Erkenntnisse gebracht haben. Welche prähistorischen Zeiträume werden im Buch behandelt? Feichtinger: Der Fokus dieses Buches liegt auf den Meeresablagerungen der Paratethys, welche sich vor 35 bis 13 Millionen Jahren vom Nordrand der Alpen bis zur Böhmischen Masse erstreckte und weite Teile der angrenzenden Länder in Ost-West-Richtung bedeckte. In welchen Gebieten des Alpenvorlandes waren die verschiedenen Hai- Arten verbreitet? Und wo genau sind in den letzten Jahren neue Funde aufgetaucht? Feichtinger: Das Fundgebiet erstreckt sich vom Norden Wiens über den Großraum Linz und Wels und zieht sich weiter Richtung Bayern entlang der nördlichen Kalkalpen. Aufgrund der unterschiedlichen Lebensräume und Wassertiefen können verschiedene Hai- und Rochenarten in verschiedenen Gebieten gefunden werden. Tiefseeablagerungen mit besonders kleinen und spezialisierten Haizähnen können zum Beispiel rund um Eferding in Oberösterreich gefunden werden. Ehemalige Küstenbereiche befinden sich nicht allzu weit entfernt 50 sortimenterbrief 11/21

in Prambachkirchen, wo ebenfalls für diesen Lebensraum typische Hai- und Rochenarten zu finden sind. Im Buchtitel ist mit Blick auf den Lebensraum der Haie und auch der vorgestellten Rochen von einem verschwundenen Paradies die Rede. Wie kann man sich das Alpenvorland in den behandelten prähistorischen Phasen vorstellen? Feichtinger: Die Paratethys unterlag einem stetigen Wandel über den langen Zeitraum ihrer Existenz. Meeresverbindungen zum Mittelmeer und dem Indopazifik öffneten und schlossen sich, wodurch es auch mediterranen und tropischen Meeresbewohnern gelang, diesen Lebensraum zu besetzen. Neben Haien schwammen große Mondfische, Delfine und Wale durch die Weiten der Paratethys. Der nördliche Küstenbereich, den wir heute als kleine Anhöhe der Böhmischen Masse kennen, ragte mit kleinen Gipfeln empor und erinnerte dabei stark an die Seychellen. Die hellen Linzer Sande, welche auch heute noch als Baustoff abgetragen werden, repräsentieren hingegen ausgedehnte Strände. Die Klimageschichte ist ein wichtiger Teil Ihrer Forschung, da sie für die Verdrängung und die Durchsetzung neuer Arten verantwortlich war. Welche großen Klimaveränderungen waren für die Tiere relevant? Pollerspöck: Natürlich spielen in der Erdgeschichte die klimatischen Bedingungen immer eine bedeutende Rolle. Unsere im nordalpinen Bereich abgelagerten Meeressedimente wurden jedoch überwiegend unter tropischen bzw. subtropischen Bedingungen abgelagert. Den größeren Einfluss auf die Meereslebewesen dieser Zeit hatten aber die geologischen Veränderungen. Die Vorstellung, dass durch den Kontinentaldrift neue Meere und Gebirge entstehen, an anderer Stelle ganze Kontinente auseinanderreißen oder aber auch wieder im Untergrund verschwinden, weckt eine gewisse Ehrfurcht in mir. Diese gewaltigen Veränderungen der Erde sind es, die wir uns in der heutigen schnelllebigen Zeit immer wieder vor Augen führen sollten. Man lernt bei der Beschäftigung mit diesen Vorgängen, in größeren Dimensionen und Zeiträumen zu denken. Alleine wenn man sich vorstellt, dass es Hai-Gattungen gibt, die bereits seit der Kreidezeit, also seit 70 oder mehr Millionen Jahren, existieren und im Gegensatz dazu die ersten Vertreter der Gattung Homo erst vor weniger als drei Millionen Jahren unsere Erde bevölkerten, sollte jedem von uns einen Gedanken wert sein. Wir leben heute auf Kosten unserer Nachkommen und ohne Rücksicht auf die Umwelt, Tierund Pflanzenwelt. Vielleicht gelingt es uns mit den zusammengestellten spannenden Informationen, den einen oder anderen Leser auf diese interessante Reise in die Vergangenheit mitzunehmen und ihn zu animieren, über die Vorgänge nachzudenken. Wie läuft Ihre Forschungsarbeit nach einem Fund ab? Wie ziehen Sie dann Rückschlüsse über die Lebensweise, das Aussehen und die Größe der Tiere und welche Anhaltspunkte haben Sie dafür? Feichtinger: Geologisch gesehen sind diese Meeresablagerungen und Fossilien noch recht jung. Aus diesem Grund können wir Funde meist noch mit heute lebenden Verwandten vergleichen. Durch die Möglichkeit solcher Vergleiche können wir sehr genaue Rückschlüsse auf die Lebensweise und Nahrung ziehen. Dies kann man gut durch ein Beispiel des Walhais verdeutlichen: Heute lebende Walhaie ernähren sich von Kleinstlebewesen, also Plankton, welches sie einfach aus dem Wasser filtern. Für diesen Zweck benötigen diese Haie keine funktionalen Zähne mehr, wodurch die Zähne rückgebildet wurden. Daher besitzt einer der größten Haie in Relation zur Körpergröße ziemlich kleine Zähne. Aufgrund der Form, hailights im alpenvorland der Größe und der Funktion können wir dadurch bestimmte fossile Zähne ebenfalls der planktonischen Ernährungsweise zuordnen und postulieren, dass es sich um ein großes Tier handeln musste, weil es global gefunden wird und dadurch weite Strecken zurücklegen musste, was wiederum für eine saisonale Wanderung nach Nahrungsangebot (Plankton) spricht. Im Buch gibt es auch wertvolle Tipps für Jung und Alt zum Selbersammeln von Fossilien. Wie sieht es in Ihrem Bereich mit Forschungsnachwuchs aus? Feichtinger: Forschungsnachwuchs ist immer herzlich willkommen und man muss dazu auch nicht studieren! Es geht hierbei stets um das persönliche Engagement und Interesse. Gute und seltene Funde können mit etwas Ausdauer jedem gelingen. Oftmals ist es sogar so, dass engagierte Fossiliensammler den Wissenschaftlern spannende Funde vorlegen und diese dann gemeinsam an der Bestimmung und Beschreibung des Fundes zusammenarbeiten. Können Sie sich noch an Ihren allerersten Fund erinnern? Iris Feichtinger, Jürgen Pollerspöck Haie im Alpenvorland Fossile Zeugen eines verschwundenen Paradieses 264 Seiten, durchgehend farbig bebildert, Hardcover 978-3-7025-1023-7, € 28,– | Verlag Anton Pustet sortimenterbrief 11/21 51

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