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sortimenterbrief November 2021

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Das österreichische Branchenmagazin für Buchmarkt, Buchverkauf und Buchwerbung. Ausgabe November 2021.

haymon verlag Haymon

haymon verlag Haymon reloaded – oder: Was ist anders? Es ist unglaubliche 40 Jahre her, dass das erste Haymon-Buch aus der Druckerpresse gekommen ist. Darauf sind wir schon ein bisschen stolz. Damit wir nach vier Jahrzehnten nicht einstauben, entwickeln wir uns täglich weiter. Lernen dazu. Stellen Fragen. An dich. An uns. An die Leser*innen, die in unserer Verlagsbuchhandlung aus- und eingehen, und auch an euch, die ihr in vielen Buchläden tagtäglich mit Leser*innen diskutiert, ihnen Bücher ans Herz legt, sie durch Tische, Auslagen, Rezensionen, Newsletter dazu verführt, Neues zu entdecken. An all die neugierigen Menschen da draußen, die Lust haben, durch Lektüre Unbekanntes in sich aufzusaugen und in neue Welten zu hüpfen. Seit seiner Gründung hat sich der Verlag immer wieder verändert. Denn, so glauben wir, das ist eine der Aufgaben eines Literaturverlages: sich zu entwickeln, auf die Gesellschaft zu schauen, zu hinterfragen, neue Wege zu gehen. Nur so kann ein Verlag schaffen, was er sich im Kern vornimmt. Wir wollen unterschiedliche Perspektiven aufzeigen, wir wollen unerhörte Stimmen erzählen lassen, wir wollen unter den Stein und um die Ecke blicken. Um das zu erreichen, haben wir bei uns im Verlag, in unserer Kommunikation und der Art, Bücher zu machen, einiges überdacht. Das kann für Außenstehende ungewohnt sein, weil Verlage oft sehr ähnlich agieren. Weil es brancheninterne „Regeln“ gibt. Weil andere Literaturverlage eben anders ausgerichtet sind als der Haymon Verlag. Wir haben uns jede Änderung, jede Anpassung gut überlegt. Trotzdem freuen wir uns über jede Anregung, sachliche Kritik, über jedes Feedback, das uns hilft, uns weiterzuentwickeln. Damit aber für Autor*innen, Leser*innen, Buchhändler*innen, Journalist*innen und alle anderen wunderbaren Menschen, mit denen wir zu tun haben, klarer wird, was hinter den Veränderungen steckt, warum wir Dinge so machen, wie wir es tun, schreiben wir hier unsere Gedanken auf. Ein Literaturverlag der Zukunft – wie sieht der eigentlich aus? Ja, wir sehen es als problematisch an, dass die Literaturbranche einseitig ist. Man könnte damit anfangen, dass noch immer weitaus mehr Autoren verlegt werden als Autorinnen*. Aber hier hört es längst nicht auf. Die Perspektiven sind sich oft ähnlich. Die Geschichten aus ähnlichen Sozialisierungsgruppen erzählt. Wir denken: Es braucht Literatur, die die Gesellschaft abbildet. Es braucht Literatur, die gesellschaftliche Entwicklungen und Veränderungen sichtbar macht. Es braucht Pluralität. Nur so ist und bleibt Literatur spannend. Dass das auch bedeutet, Raum an andere abzugeben, die bisher keinen oder nur wenig Platz eingenommen haben – das ist so. Und das ist gut so. Das heißt nicht, dass wir etwas verlieren, ganz im Gegenteil. Wir gewinnen. Jede*r gewinnt. Und genau so versuchen wir, unser Programm zu gestalten. Divers. Anders. Neu. Spannend. Aufregend. Auch das mag nicht jede*r. Es gibt Journalist*innen, die Bücher von Autor*innen, die die Diaspora beschreiben, die Findung der eigenen Stimme etc. als „Identitätskitsch“ abtun. Wir glauben, dass das falsch ist. Dass der Kampf dafür, dass alles gleich bleiben soll, falsch ist. Die Gesellschaft verändert sich, die Literatur tut es. Schon immer war das so. Wieso sich dagegen auflehnen? Wie erreichen wir unsere Leser*innen, wie erreichen wir euch Buchhändler*innen? Wen möchten wir mit unseren Büchern packen? Deswegen suchen wir den Austausch mit euch, fragen, was ihr gut findet, welche © Emanuel Aeneas Text von Katharina Schaller, Programm Themen unsere Leser*innen spannend finden, welche Coverentwürfe oder Titelvarianten ihnen gefallen und warum. Wir lernen von euch, entwickeln uns mit euch (denn, und das ist wichtig: Menschen bleiben niemals gleich, sie verändern sich laufend). Vielleicht ist das eine der größten Änderungen bei uns, überhaupt die größte Veränderung für einen Literaturverlag. Dass wir ins Gespräch gehen, Entscheidungsmacht abgeben, nicht immer glauben, alles besser zu wissen. Und: Das ist aus unserer Sicht wichtig, um als Literaturverlag zu bestehen und letztlich auch euch in den Buchläden Geschichten anbieten zu können, von denen wir wissen, dass sie einer bestimmten Leserschaft ein Herzensanliegen sind. Die Zeiten ändern sich, die technischen Möglichkeiten ändern sich, die Art, Bücher auszuwählen, ändert sich. Wir sollten uns nicht dagegen wehren, wir wollen daran teilhaben. Gendersternchen, Triggerwarnungen – sonst noch was? Ja, wir gendern in unseren Newslettern mit Gendersternchen. Für uns und unsere Leser*innen ist das wichtig, weil wir ein Zeichen setzen wollen. Wir möchten alle ansprechen, wir möchten, dass sich 80 sortimenterbrief 11/21

haymon verlag © Haymon Verlag und Christophe Koroknai, Vertrieb alle angesprochen fühlen. Auch das kann sich entwickeln, vielleicht wird das Sternchen irgendwann durch ein anderes Zeichen ersetzt. Aber: Uns ist es ein Anliegen, Menschen, die ihre Stimme erheben, denen wir zuhören sollten, wenn sie uns sagen, dass sie sich durch die weibliche und männliche Form nicht angesprochen fühlen, genau den gleichen Respekt zu zollen wie allen anderen. Wir wissen, dass die Meinungen hier stark auseinandergehen. Aber: Uns ist wichtiger, alle Menschen respektvoll anzusprechen, als auf die zu hören, die nicht betroffen sind. Immer wieder diskutiert wurden zuletzt die dezenten Hinweise auf einigen Neuerscheinungen, mit denen wir über Inhalte informieren, die bei manchen betroffenen Menschen Trigger auslösen können. Daher möchten wir an dieser Stelle ein paar häufig gestellte Fragen beantworten: Wem helfen Triggerwarnungen? Menschen, die zum Beispiel traumatische Erfahrungen durchgemacht haben, können durch bestimmte Inhalte retraumatisiert werden. Menschen, die betroffen und auf der Suche nach solchen Hinweisen sind, werden sie vorfinden und können entscheiden, ob sie sich mit einer bestimmten Thematik konfrontieren wollen. Andere, die nicht betroffen sind, können die dezent gehaltenen Hinweise problemlos überlesen und werden sie vielleicht gar nicht bemerken. Sind Triggerwarnungen eine Form von Zensur? Eine Gefahr für die Literatur? Wir finden ganz im Gegenteil: Nicht immer ergibt sich aus einem Klappentext oder einem Cover, dass in einem Buch bestimmte, potenziell triggernde Inhalte thematisiert werden. Wenn jemand sexualisierte Gewalt erlebt hat, kann diese Person das Lesen darüber traumatisieren (muss es jedoch nicht). Wenn es im persönlichen Umfeld einer*s Leser*in einen Suizid gegeben hat, kann sie*ihn das Lesen darüber traumatisieren (muss es jedoch nicht). In so einem Fall möchten wir betroffenen Menschen eine einfache Information an die Hand geben, mit der sie besser entscheiden können, ob sie bestimmte Inhalte lesen, verschenken, empfehlen möchten. Eine einfache Information, mit der die Leser*innen umgehen können, wie sie möchten. Wir sind der Überzeugung, dass dieses Angebot zu einer informierten Entscheidung unserer Leser*innen beitragen kann, sie mündiger und bewusster zu einem bestimmten Buch greifen lässt und schlichtweg das Gegenteil einer Form von Kontrolle oder gar Zensur darstellt. Eines bleibt davon vollkommen unberührt: In unseren Büchern wollen wir dazu aufrufen, die Grenzen der eigenen Wirklichkeit sichtbar zu machen und infrage zu stellen, sich (gerade auch!) in ungewohnte, ungeliebte, ungehörte Positionen zu begeben, sich liebenswerten, inspirierenden, aber auch herausfordernden und beklemmenden Situationen zu stellen. Es kann entspannend oder heimelig zugehen, aber auch schmerzhaft, schonungslos, konfrontativ und unangenehm. Kein Safe Space für den eingeschliffenen Wertekanon, keine Käseglocke fürs Weltbild. Aber Empathie für Betroffene traumatischer Erfahrungen, das ist uns wichtig. Alles kann ein Trigger sein, man kann doch nicht vor allem warnen … Es stimmt, dass Reize, die zu Flashbacks führen können, individuell und hochspezifisch sind. Natürlich ist es unmöglich, diese umfassend abzubilden. Zugleich gibt es einige Reize, die naheliegend sind und besonders häufig beschrieben werden. Auf diese wollen wir bei einigen bestimmten Büchern hinweisen und nebenbei auch dazu beitragen, dass diese Hinweise so gut es geht normalisiert werden: Sie nehmen niemandem etwas weg, aber sind für Betroffene wichtige Entscheidungshilfen. Was habe ich auch als Buchhändler*in von diesen Hinweisen? Wie wir gerade zuletzt immer wieder hören, werden die Angaben auch als wertvolle Zusatzinfo gut angenommen, die im Gespräch, im Zuge einer Empfehlung, beim Aussuchen eines Geschenks oder bei der Auswahl eines Themenschwerpunkts nützlich sein kann. Warum sollten wir euch dieses Puzzlestück also nicht mitgeben? Wo wir stehen, wo wir hinwollen, wer wir sein werden: Wir wollen etwas verändern. Und das geht nur, wenn wir das auf allen Ebenen versuchen. Natürlich lässt sich alles immer noch besser machen, natürlich sind wir noch nicht dort, wo wir hinwollen. Vielleicht sind wir das nie, weil wir uns neue Ziele stecken, beinahe jeden Tag. Weil wir zurückblicken und Dinge mit heutigem Stand ganz anders machen würden als noch vor ein paar Monaten. Ja, das kann anstrengend sein, ja, das ist Arbeit. Es bedeutet auch, immer wieder stehen zu bleiben und sich, das eigene Tun zu reflektieren. Niemals zu denken, man wisse alles besser. Aber wir haben Prinzipien, und denen wollen wir treu bleiben. Wo wir übermorgen sein werden? Wir haben keine Ahnung – und ganz ehrlich: Ist das nicht aufregend? Wir wollen euch einladen, euch mit uns in dieses Abenteuer zu stürzen, mitzudiskutieren, gemeinsam neue Perspektiven zu entdecken. sortimenterbrief 11/21 81

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