Unsere Online-Publikationen zum Blättern

Aufrufe
vor 10 Monaten

sortimenterbrief November 2021

  • Text
  • November
  • Sachbuch
  • Regionalkrimi
  • Krimi
  • Taschenbuch
  • Buchhandlung
  • Weihnachten
  • Verlag
  • Sortimenterbrief
  • Buch
  • Hardcover
Das österreichische Branchenmagazin für Buchmarkt, Buchverkauf und Buchwerbung. Ausgabe November 2021.

Teresa Petrovitz im

Teresa Petrovitz im Gespräch mit Gert Weihsmann Blick hinter die Kulissen des High-Energy-Wintertourismus © Christof Wagner, Wien Herr Weihsmann, Ischgler Schnee ist Ihr literarisches Debüt, das Buch changiert zwischen psychologischem Kriminalroman, Thriller und beißender Gesellschaftskritik. Wie würden Sie Ihren Roman in eigenen Worten beschreiben? Weihsmann: Mir gefällt die von Ihnen angesprochene Dreiteilung zwischen Kriminalroman, Thriller und Gesellschaftskritik – sie ist genau so beabsichtigt. In eigenen Worten geht es darum: Was ereignet sich in diesem Roman (eine Kriminalgeschichte, ein Whodunit-Plot)? Wie funktioniert die in sich abgeschlossene Welt eines High-Energy-Ski- Resorts (Welche Leute arbeiten unter welchen Bedingungen in Ischgl oder machen dort rund um die Uhr Party und bringen mitunter ihre Defekte mit)? Warum ist Ischgl ein derart erfolgreiches Geschäftsmodell (Ist es das Zerrspiegel-Bild einer zerrütteten, auf Erfolg getrimmten Gesellschaft)? Ischgl ist ein sehr polarisierender Tourismusort, schafft es auch immer wieder mit Negativschlagzeilen in die Medien. Haben Sie Ischgl deshalb als Schauplatz gewählt? Weihsmann: Ischgl ist vor allem auch Mythos – ein Ort, den nur wenige Österreicher aus eigener Erfahrung kennen. Ich glaube, weitaus mehr Landsleute sind in Patagonien als im Paznauntal gewesen, im Übernachtungsranking spielen Österreicher – bei immerhin mehr als einer Mio. Übernachtungen pro Wintersaison allein in Ischgl – eine sehr bescheidene Rolle. Diese mangelnde kollektive Erfahrung befeuert natürlich Klischees und Vorurteile, die Ischgl gerade in letzter Zeit betreffen. Ausgangspunkt war die Frage, warum dieses Geschäftsmodell so gut funktioniert – vielleicht weil es ein Angebot für jene Ich-Maschinen darstellt, die hart arbeiten, viel verdienen und glauben, extrem viel Geld in sehr kurzer Zeit auf den Kopf stellen zu müssen. Das betrifft vor allem die legendären Männer-Runden, die im Februar und im März für einen ungeheuren Party-Druck sorgen – genau das wollte ich auch aufgrund meiner eigenen Erfahrungen in einem (Kriminal-)Roman festhalten. Der Wiener Kommissar Selikovsky versucht, die Morde aufzuklären. Er ist ein ehemaliger Spirituosenvertreter, Sie selbst sind in einem internationalen Getränkekonzern tätig. Wie viel von sich selbst und Ihrer Erfahrungswelt haben Sie in die Figur hineingelegt? Weihsmann: Mit der Figur des Kommissars habe ich einiges gemeinsam: Wie Harald Selikovsky komme ich aus Wien und bin von dort nach Ischgl gereist, um zu den Gastronomen eine Geschäftsbeziehung aufzubauen. Wie meine Hauptfigur habe auch ich mit der Zeit eine Art „Street Credibility“ erworben und zwischen 2006 und 2015 die dortige Hotel- und Lokalszene von innen her kennengelernt. Als Kommissar ist Harald Selikvosky eine Figur der Aufklärung – in doppeltem Sinne: Er klärt begangene Verbrechen auf, und er analysiert die Vorgänge am Schauplatz der begangenen Morde. Wie ich war der Kommissar ein Teil dieser Szene und hat sich – ebenfalls wie ich – davon distanziert: Selikovsky hat in Wien Karriere im Polizeidienst gemacht, und ich habe heute eine andere Funktion im Unternehmen inne. Insofern schauen wir beide auf eine gemeinsame Vergangenheit zurück. Der Roman ist ja auch Ischgl gewidmet – allerdings wie es früher gewesen ist. Mit intaktem Nachtgeschäft, ohne aufgeblähtes Aprés-Ski – und natürlich auch vor Corona. Während des Schreibprozesses habe ich versucht, möglichst unbefangen davon zu erzählen, um so authentisch zu bleiben, wie es nur ging. Was viele Ihrer Protagonisten bei aller Unterschiedlichkeit eint, sind Zynismus, Abgebrühtheit, die starke Fixierung auf das Ausleben ihrer Triebe, Geldgier und Drogen, nicht zuletzt Verzweiflung, Langeweile und Einsamkeit. Wofür stehen Ihre Figuren? Weihsmann: Die Figuren stehen für eine Gesellschaft, die auf Gier und Sucht aufgebaut ist – und in der jeder seinen Superlativ haben muss. Vor vielen baumelt die sprichwörtliche Karotte, für den einen sind es Millionen, für den 92 sortimenterbrief 11/21

anderen ein paar Tausend Euro Bonus oder Trinkgeld, und für einen Obdachlosen ist es tatsächlich die Karotte, die er essen muss, um überleben zu können. Dieser „Struggle for life“ betrifft praktisch alle Romanfiguren, die als selbstoptimierte Ich-Maschinen ihrem eigenen Untergang entgegenrasen. Aber es gibt auch Gegenentwürfe: die Eltern des Boy-Models Jason zum Beispiel, die den Glauben an eine bessere Welt (noch) nicht aufgegeben haben, oder die Figur des früheren Schulfreunds Stephane, der einfach Austernfischer in fünfter Generation geworden ist. Leben die drei Figuren nicht allesamt besser als die übrigen Soziopathen mit geschniegelter Oberfläche, aber brandgefährlichem Innenleben? Der Roman ist experimentell gehalten, Sie wechseln in hohem Tempo von Perspektive zu Perspektive, von Schauplatz zu Schauplatz. Was wollen Sie mit dieser Technik vermitteln? Weihsmann: Am Anfang gab es eine Prämisse: Gestalte die einzelnen Figuren jeweils für sich, verleihe ihnen ihren eigenen Stil oder „Sound“ und versuche, die einzelnen Geschichten ineinander zu montieren – eher wie in einem Film als in einem Roman. Stilistisches Vorbild dafür war Brett Easton Ellis’ Rules of Attraction (1987) oder auch ein Film wie L.A. Crash von Paul Haggis (2004). Erst relativ spät kam die Figur des Kriminalkommissars hinzu – mir war bald klar, dass der Roman wie ein Krimi aussehen muss, um überhaupt eine Chance auf Veröffentlichung zu haben. Nicht zuletzt sollte er „touching“ sein – also den Leser berühren. Mitten ins Limbische System treffen. Dort, wo alles an Imagination entsteht und alles wieder verschwindet. Nicht nur Ischgl spielt im Buch als wichtiger Handlungsort eine Rolle, sondern auch Frankreich. Haben Sie eine spezielle Verbindung zu diesem Land? Weihsmann: Beim Schreiben drängte sich bald die Frage auf: Woher sollten die Touristen stammen? Ischgl ist ein mondäner Tourismusort, dorthin kommen Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern. Zu den viel zitierten Russen habe ich wenig Beziehung, Skandinavier wären eine Option gewesen, ebenso Briten oder Touristen aus Benelux-Ländern. Bei Deutschen oder Österreichern hätte ich eine Art „Piefke-Saga“ riskiert, das wollte ich unter allen Umständen vermeiden. Ich habe mich für Franzosen entschieden, weil ich selbst seit 15 Jahren in einem französischen Getränkekonzern beschäftigt bin. Ich war oft in Paris und habe die Mentalität meiner französischen Kollegen gut kennengelernt. Außerdem ist Paris die „Hauptstadt der Liebe“ – aber ebenso auch des Hasses, wenn man die vielen sozialen Probleme an den gefährlich brodelnden Stadträndern oder die terroristischen Anschläge berücksichtigt. Gefährlich schön – und schön gefährlich. Hat perfekt gepasst, finde ich. Am Anfang war es aber eine sehr intuitive Entscheidung. Ihr akademischer Werdegang ist sehr unüblich: Sie haben einerseits Volkswirtschaftslehre und andererseits Germanistik und Dolmetsch studiert, also zwei Richtungen, die sich auf den ersten Blick diametral gegenüberstehen. Wie kam es dazu? Weihsmann: In den Achtzigerjahren hat man vieles ausprobiert, versucht und wieder verworfen. Daher der auf den ersten Blick widersprüchliche Bildungsweg – ein Weg aus Umwegen und Sackgassen. Letztendlich habe ich einige Jahre als Übersetzer gelebt, eine äußerst brotlose Zeit, und mich schließlich bei Pernod-Ricard Austria im Sales-Bereich beworben. Auf diesem Weg habe ich die österreichische Gastronomie, insbesondere den Hotelbereich, kennengelernt. Und damit auch Ischgl. Wann haben Sie sich dann dem Schreiben zugewandt? Weihsmann: Vor fünf Jahren, mit Beginn des Schreibprozesses zu Ischgler mordserie in ischgl Schnee. Zu Beginn wollte ich Kurzgeschichten, die in einem „High-Energy- Ski-Resort“ spielen sollten, verfassen. Daraus hat sich mit der Zeit ein richtiger Krimi entwickelt – oder besser ein Roman, der wie ein Krimi aussieht. Aber auch ein Thriller ist. Und obendrein einiges an Gesellschaftskritik enthält. Wie Sie es selbst am Anfang des Interviews sehr schön ausgedrückt haben. Werden Sie Ihre literarische Karriere weiterfolgen? Gibt es bereits Pläne für ein neues Buch? Ob es eine Karriere wird, weiß ich nicht. Aber das zweite Buch ist bereits fertig lektoriert und wird im Herbst 2022 wieder im Gmeiner-Verlag (vielen Dank übrigens für die hervorragende Betreuung!) erscheinen – konventioneller erzählt, aber hoffentlich genauso spannend. Ein sehr wienerischer Krimi über den Tod, die Musik und psychische Devianzen – und über jemanden, der sich auf eine höchst gefährliche Wette einlässt. Mehr will ich noch nicht verraten. Danke für das Gespräch! Gert Weihsmann Ischgler Schnee 344 Seiten, Klappenbroschur Premium ISBN 978-3-8392-0034-6 I € 16,- I Gmeiner sortimenterbrief 11/21 93


sortimenterbrief

Copyright 2022 | All Rights Reserved | Verlagsbüro Karl Schwarzer Ges.m.b.H.
Empfehlen Sie uns weiter!