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sortimenterbrief november 2022

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Das österreichische Branchenmagazin für Buchmarkt, Buchverkauf und Buchwerbung. Ausgabe November 2022.

© Günther Mayr privat

© Günther Mayr privat Teresa Petrovitz im Gespräch mit Günther Mayr Ein Samurai, viel Wiener Schmäh und dunkle Machenschaften in der Covid-Pandemie Advertorial Herr Mayr, Sie sind seit vielen Jahren als Wissenschaftsjournalist im ORF tätig, also in einem Bereich, der sich deutlich vom belletristischen Schreiben unterscheidet und in dem vor allem Fakten zählen. Dass Sie aber gerne mit Sprache experimentieren, konnten wir alle in Ihren Analysen zur Covid-Pandemie erleben. Jetzt haben Sie im Carl Ueberreuter Verlag Herr Kuranaga, Ihren ersten Krimi, veröffentlicht. War das ein lange gehegter Wunsch? Mayr: Den Wunsch, ein Buch zu schreiben, hatte ich tatsächlich schon als Kind. Aber zu diesem Wunsch kamen zugleich Zweifel und die Frage, ob ich als literarischer Schriftsteller überhaupt genug Geld zum Leben verdienen könne. Hier hat mich sicherlich auch meine Mutter geprägt, die viel Wert darauf gelegt hat, dass ich einen Beruf ergreife, der mir ein gutes Auskommen ermöglicht. Ich fand Menschen, die sich mit aller Entschlossenheit für das Schreiben entscheiden und dafür auch so einige Risiken eingehen, schon immer bewundernswert. Mir ist und war ein solcher Zugang nicht gegeben. War der Weg in den Journalismus eine Art Kompromiss? Mayr: In gewisser Weise ja. Ich habe mich für den Journalismus entschieden, weil er mir einerseits finanzielle Sicherheit und andererseits die Arbeit mit der Sprache und das Schreiben ermöglicht hat. Ich mag meinen Beruf sehr, ich recherchiere unheimlich gerne und sehe mich in meiner journalistischen Arbeit in der Tradition des legendären Reporters Egon Erwin Kisch. Das heißt: Journalismus mit literarischem Anspruch, auch gerne mit Humornoten versehen. Das Schreiben des Krimis war dann aber doch etwas ganz anderes. Und mit meinen beruflichen Verpflichtungen im Hintergrund kam ich teilweise ganz schön ins Schwitzen (lacht). In Ihrem Krimi sind Sie dem Thema treu geblieben, das Sie seit mehr als zwei Jahren Tag für Tag begleitet: Herr Kuranaga ist sehr anspielungsreich in der Covid-Pandemie angesiedelt, in der Ihre Charaktere mit gefährlichen Machenschaften in der internationalen Impfgegner:innen-Szene konfrontiert werden. Hatten Sie nicht das Bedürfnis, diesem Thema zwischenzeitlich zu entfliehen? Mayr: Über etwas vollkommen anderes zu schreiben, lag für mich durchaus nahe. Was mir dann aber in die Quere gekommen ist, waren meine Figuren, 30 sortimenterbrief 11/22

turbulenter pandemie-krimi die es großteils alle wirklich gibt und die ich unbedingt in meiner Geschichte sehen wollte, ob es nun mein Protagonist Herr Kuranaga ist, den ich seit über dreißig Jahren kenne und der ein sehr guter Freund von mir ist, oder der Notfallmediziner oder die Wissenschaftlerin. Ich habe mir aber auch schon gedacht, dass ich wahrscheinlich unter einem literarischen Long Covid leide,; die Nachwehen bilden das Buch (lacht). Die Pandemieberichterstattung über so eine lange Zeit hinweg hat mich einfach sehr geprägt. All das Erlebte mit einer fiktiven Geschichte zu verknüpfen, erschien mir dann doch sehr reizvoll. Wichtig war mir aber, dass das, was im Buch mit Wissenschaft zu tun hat, auch den Fakten entspricht, ob es nun um die Impfung oder das Gift geht, das zum Mordinstrument wird und internationale Ermittlungen auslöst. Lag hinter der Themenwahl vielleicht auch das Ziel, diese sehr schwierige und teilweise chaotische Zeit zu ordnen? Mayr: Ich denke schon, dass das ein Motiv war, auch mit Blick auf die vielen Begebenheiten rund um die Impfgegner:innen-Szene, von Fake News bis hin zu den Demonstrationen. Hier ist in kürzester Zeit unheimlich viel passiert, das ich in der Rückschau betrachten wollte. Ich habe dabei vor allem zwei Seiten gegenübergestellt: Die, die sich während der Pandemie irrsinnig abgemüht haben, damit alles weiterläuft und Menschen geschützt werden und die daran auch teilweise verzweifelt sind oder auch selbst unsicher waren; und die, die wie der zwielichtige Arzt in meinem Buch Desinformation gestreut haben, die nicht konstruktiv waren. Ich habe Menschen wie diesen Arzt selbst kennengelernt, die nach außen freundlich und hilfsbereit gewirkt haben, in Wirklichkeit aber zutiefst radikal waren. Zum Glück sind mir persönlich Drohungen erspart geblieben, das Feedback zu meiner Arbeit ist bis heute weitgehend positiv. Die meisten Menschen bedanken sich, dass ich sie, immer mit ein wenig Humor, durch diese schwierige Zeit begleitet habe. In Ihrem Buch findet sich diese humorige Seite ebenfalls wieder, gerade auch in Gestalt Ihres liebenswerten Protagonisten Herrn Kuranaga, der in Japan geboren wurde und nun in Wien lebt. Durch diesen transnationalen Blick erfahren wir zum Beispiel, dass mit dem Wienerischen Ausdruck „Deppata“ im Japanischen auch ein „blöder Reisbauer“ gemeint sein könnte. Mayr: Die japanische Kultur begeistert mich schon lange. Ich bin vor vielen Jahren mit dem titelgebenden Herrn Kuranaga nach Japan gereist und bekam so Einblicke, die man als Tourist normalerweise nicht bekommt. Ich finde die Lebensphilosophie der Japaner:innen und die japanische Geschichte faszinierend und bin immer wieder Gast bei der Österreichisch-Japanischen Gesellschaft Wien, bei deren Filmvorführungen oder zu gemeinsamen Essen. Das Spannende an meiner Figur und an meinem Freund Tateo Kuranaga ist für mich, wie erstaunenswert er die beiden Kulturkreise des Japanischen und Österreichischen in sich vereint, und in genau diesem Spannungsfeld bewegt sich auch mein Buch. Wobei vor allem ein Wiener Beisl als Austragungsort dieser Spannung dient. Mayr: Einer der Schauplätze im Buch ist das Beisl Die Eiserne Hand, das einem Lokal am Wiener Naschmarkt nachempfunden ist. Die Geschichten, die sich dort abspielen, sind fast eins zu eins aus dem Leben übernommen. Dort ist eben auch Herr Kuranaga ein gern gesehener Gast, der sich in diesem speziellen Soziotop Wiens wie ein Fisch im Wasser bewegt und um keine Antwort verlegen ist, auch nicht wenn „der Wiener Schmäh rennt“. Es war schön, meine Erlebnisse mit diesen Menschen in den Geschichten weiterzuspinnen. Kuranaga sagt immer, 60 bis 80 Prozent der Buchfigur entsprächen der Realität, der Rest sei Fiktion. Wie halten Sie es eigentlich privat mit dem Lesen? Welche Art von Literatur haben Sie am liebsten? Mayr: Neben den vielen Büchern für meine wissenschaftlichen Recherchen lese ich besonders gerne Literatur, die außerhalb der Norm steht, die, wie es auch der Literaturkritiker Moritz Baßler in der von ihm angestoßenen Debatte vertritt, über das traditionelle realistische Erzählen hinausgeht. Ich mag Brüche und stilistischen Mut. Ich finde in diesem Sinne Wolf Haas großartig, lese auch gerne Christoph Ransmayr und zurzeit den Roman Schmelzwasser von Patrick Tschan, den ich in seiner historischen Dimension sehr interessant finde. Mit Ihrem Buch sind Sie in nächster Zeit immer wieder für Lesungen im Einsatz. Womit sind Sie außerdem beschäftigt? Mayr: Ich werde schon bald wieder an einem Sachbuch mitarbeiten. Das Schreiben wird mir auf alle Fälle erhalten bleiben. Ob es noch einen Krimi oder einen Roman geben wird, werden wir sehen. Herzlichen Dank für das Gespräch! Günther Mayr: Herr Kuranaga Ein Samurai zwischen Sushi und Schweinsbraten 200 Seiten, Hardcover, ISBN 978-3-8000-7821-9 € 22,– | Carl Ueberreuter Verlag sortimenterbrief 11/22 31


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