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sortimenterbrief Oktober 2021

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Das österreichische Branchenmagazin für Buchmarkt, Buchverkauf und Buchwerbung. Ausgabe Oktober 2021.

© Carl Ueberreuter

© Carl Ueberreuter Verlag Ossi Hejlek im Gespräch mit Rudolf Likar »Der Tod ist immer präsent« Univ.-Prof. Dr. Rudolf Likar kennt den Tod wie kein anderer. Die Antworten auf die großen Fragen der Menschheit kommen aus der Medizin, der Wissenschaft, dem Rechtsbereich, der Religion, der Kultur und einer Gesellschaft, die den Tod als Teil des Lebens sieht. Wie kam es zu Ihrem neuen Werk, was war ausschlaggebend für dieses Projekt? Likar: Einerseits erleben wir verstärkt, wie sehr anonymisiert die Verabschiedung von einem geliebten Menschen in unserer Gesellschaft stattfindet. Das wurde durch Covid noch schlimmer. Andererseits ist der Tod in meinem Beruf mein ständiger Begleiter. Ich war früher als Notarzt und Intensivmediziner kontinuierlich mit dem Tod konfrontiert – natürlich auch als Palliativmediziner. Man kann den Tod nicht wegdenken. Man kann sich aber weitaus mehr mit dem Leben davor beschäftigen – sich auf Werte rückbesinnen, innehalten –, anstatt dem Tod gestresst im Eiltempo in die Arme zu laufen. Und wenn man über den Sinn des Lebens – als Teil der Todesgedanken – sinnieren wollte, wäre die Frage nach dem Fußabdruck, den man hinterlässt, eine zentrale. Was habe ich geschaffen? Wie bin ich mit Menschen umgegangen, welche Erinnerung an und welche Emotion über mich wird bleiben? Im Buch gibt es dazu eine 100-Punkteliste zum Abhaken ... Likar: Einerseits ist es eine Liste von Fragen, auf die ich mir selbst Antworten geben können sollte. Andererseits wäre es Univ.-Prof. Dr. Rudolf Likar ist Facharzt für Anästhesiologie und allgemeine Intensivmedizin, außerdem hat er sich auf den Gebieten der Schmerztherapie und Palliativmedizin spezialisiert. Er ist Vorstand der Abteilung für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Klinikum Klagenfurt am Wörthersee und Vorstand der Abteilung für Anästhesiologie und Intensivmedizin am LKH Wolfsberg, hat einen Lehrstuhl für Palliativmedizin an der SFU Wien, ist Gerichtssachverständiger für Anästhesiologie, allgemeine Intensivmedizin und Palliativmedizin, 1. Vizepräsident der Österr. Palliativgesellschaft (OPG), Past Präsident ÖGARI und Generalsekretär der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG). 70 sortimenterbrief 10/21

Advertorial sicher auch für Angehörige wertvoll, die Antworten auf viele dieser Fragen zu kennen – den anderen im Zuge dessen besser kennenzulernen. Im Kapitel, das sich mit Palliativmedizin befasst, erwähnen Sie den Begriff „Sorgennetz“. Was ist das? Likar: Es geht im Wesentlichen darum, für Schwerkranke ein Netz zu spannen – sich um sie zu sorgen. Privat, aber auch medizinisch. Man spricht über den Menschen im Mittelpunkt, handelt aber zu wenig in diesem Sinne. Jedes Organ, das es zu behandeln gilt, kommt mit einer Geschichte. Leider nimmt man sich oft nur Zeit fürs Organ – nicht für den Menschen dahinter. Und werden die Arbeitszeiten der Mediziner verkürzt und der Personalstand sukzessive verringert, wird dieser Zustand nicht besser, sondern noch schlimmer. Eine gute medizinische Versorgung braucht Behandlungszeit und Einfühlungsvermögen. Wir können heute in der Medizin vieles verschönern oder reparieren. Aber den allgemeinen Prozess des Alterns können wir nicht aufhalten. Auch unter einer faltenfrei gespannten Haut liegen irgendwann alte Knochen. Würdevoll zu altern, ist doch etwas Schönes! Und auch wenn wir das Altern hinausschieben, tritt es irgendwann ein und mit ihm zwangsläufig auch der Tod. In einem Kapitel schreiben Sie, dass das Sterben aus den Krankenhäusern und Altersheimen rausgeholt gehörte ... Likar: Ich habe erlebt, dass meine Großmutter ganz in Ruhe zu Hause eingeschlafen ist. Das wäre aus meiner Sicht anstrebenswert. Betrachtet man beispielsweise die Krebspatienten in Wien: Da liegt die Quote derer, die zu Hause sterben, nur mehr bei gerade einmal 12 %. 60 % sterben bei Akutversorgung im Krankenhaus, der Rest in Pflegeheimen. Lässt man den Faktor Krebs weg, kommen diejenigen, die zu Hause sterben, in ganz Österreich nirgendwo über 30 %. Viele Menschen kommen zum Sterben ins Krankenhaus. Das ist aus meiner Sicht der falsche Weg. Wenn man die Menschen befragt, sagen jedoch 95 %, dass sie zu Hause sterben wollen. Davon sind unsere Systeme und Strukturen meilenweit entfernt. Für mich ist das alles sehr erschreckend! Der Dr. Rudolf Likar, Dr. Georg Pinter, Dr. Herbert Janig, Dr. Thomas Frühwald, Dr. Karl Cernic Es lebe der Tod. Tabuthema Sterben 192 Seiten, mit Bildteil, Hardcover 978-3-8000-7775-5, € 25,– | Carl Ueberreuter Tod wurde sterilisiert und anonymisiert – soziales Verhalten bleibt dabei auf der Strecke. Unlängst sprach ich mit einem schwer kranken Patienten über seinen Wunsch, in einem Kärntner Friedensforst bestattet zu werden. Als er erfuhr, dass ein Fluss durch den Landstrich fließt, sagte er lächelnd, dass das für ihn doch nicht infrage kommt, da es dort sicher Gelsen gibt – und die mag er gar nicht! (lacht) Manche verlieren auch in ihren letzten Stunden nicht den Humor. Neben dem spannenden Bereich der Nahtod-Erfahrungen widmen Sie sich auch der Sterbehilfe ... Likar: Da kommen schwierige Zeiten auf uns zu, wenn es nicht zu irgendeiner Lösung kommt, denn es gibt ein Urteil tabuthema sterben vom Verfassungsgerichtshof, dass ab 1. Jänner 2022 die Begleitung bei Selbstbestimmtem Sterben straffrei ist. Es gibt natürlich bestimmte Rahmenbedingungen, die dabei einzuhalten sind. Trotzdem bin ich der Meinung, dass man die Gesellschaft vor assistiertem Suizid schützen muss. Das Urteil gibt es. Jetzt müssen wir alles daransetzen, entsprechende Schutzschilder im Hintergrund aufzubauen. Schutz und Hilfestellung, um vorschnelle Entschlüsse zu verhindern – auch grundsätzlich, um einhergehenden Missbrauch einzudämmen. Gerade auch die psychisch vulnerable Gruppe der alten Menschen gehört hier geschützt und unterstützt. Sie beschreiben auch sehr skurrile Bestattungsformen. Die Asche im Teddybären, damit man mit dem Verstorbenen weiterhin kuscheln kann ... eine etwas seltsame Vorstellung. Likar: Es gibt die unterschiedlichsten Formen. Manche tätowieren sich mit der Asche oder lassen sie zu Ringen verarbeiten. Man kann die Begräbnisstätte auch in der Wohnung machen. Dazu muss die Wohnung aber als Begräbnisstätte umgewidmet werden. Blöd nur für denjenigen, der die Wohnung einmal kauft – der übernimmt dann auch die Begräbnisstätte (lacht). Wir haben versucht, das Thema Tod von sehr unterschiedlichen Seiten zu beleuchten und damit gleichzeitig zum Nachdenken, aber auch zur Diskussion anzuregen – und vielleicht auch ein wenig die Angst vor dem Tod zu nehmen. Warum haben nur 4 % der Österreicher eine Patientenverfügung gemacht? Likar: Einerseits weil man sich mit dem Tod nicht beschäftigen mag und andererseits weil es seine Zeit braucht. Man kann das mit seinem Arzt machen und es dauert nur rund eine Stunde ... eigentlich kurz, wenn es um den Abschied aus einem langen Leben geht... Danke für das Gespräch! sortimenterbrief 10/21 71

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