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Das österreichische Branchenmagazin für Buchmarkt, Buchverkauf und Buchwerbung. Ausgabe September 2022.

sisi: zwischen zwang und

sisi: zwischen zwang und freiheit Duve: Die Pferde. Ich wollte eigentlich einen historischen Roman über die Reitkunst schreiben. Zu meiner eigenen Überraschung stieß ich bei der Suche nach Reitkünstler:innen des 19. Jahrhunderts immer wieder auf die Kaiserin Elisabeth von Österreich, die eine erstklassige Jagdreiterin war. Die Persönlichkeit der Kaiserin hat mich dann so gefesselt, dass die Pferde daneben fast ein wenig verblasst sind. Es ist durchaus noch nicht alles erzählt worden, und ich wollte dem pastellfarbenen Sisi-Bild ein historisch genaueres entgegenstellen. Zu Sisi gibt es unzähliges Material, von Biografien bis hin zu Filmen. Wie sind Sie bei Ihrer Recherche vorgegangen? Advertorial © Kerstin Ahlrich Teresa Petrovitz im Gespräch mit Karen Duve »Ich wollte eigentlich einen historischen Roman über die Reitkunst schreiben, aber die Persönlichkeit der Kaiserin hat mich dann so gefesselt ...« Frau Duve, schon für Ihre letzte Veröffentlichung Fräulein Nettes kurzer Sommer über Annette von Droste- Hülshoff sind Sie ins Genre des historischen Romans gewechselt. Für Ihr neues Buch Sisi haben Sie sich einer Figur angenommen, die seit jeher ungebrochen Faszination ausübt und unzählige Male künstlerisch bearbeitet wurde, nicht selten in verklärender Weise. Was gab Ihnen den Anstoß, einen Roman über Kaiserin Elisabeth zu schreiben? Duve: Ich habe so ziemlich alles gelesen, was auch nur im Entferntesten mit Kaiserin Elisabeth zu tun hatte. Zuerst die großen Biografien von Brigitte Hamann und Conte Corti, um das Gerüst zu bauen. Dann habe ich nach allem gesucht, was mit Elisabeths Interesse an Pferden zu tun haben hätte können. Nach zwei Jahren hat sich allmählich herauskristallisiert, über welche Jahre ihres Lebens ich überhaupt schreiben wollte – ab 1876 –, und ich habe nach Veröffentlichungen von Tagebuchaufzeichnungen, Memoiren und Briefen aus dieser Zeit gesucht. Je privater und abgelegener, desto besser. Die Kaiserin von Österreich war praktisch niemals allein. Und sie hat schon damals alle so fasziniert, dass ihre Hofdamen und Verwandten aufgeschrieben haben, was die Kaiserin zu welcher Gelegenheit gesagt und getan hat. Während die Figur der Kaiserin Elisabeth früher vor allem verkitscht wurde, wurden ihr in den letzten Jahren verschiedenste Rollen zugeschrieben: Poetin, politische Agitatorin, Feministin, ein frühes Opfer von Schönheitsund Jugendwahn. Was hat sich bei Ihren Recherchen Überraschendes oder Beeindruckendes ergeben, welches vielleicht neue Bild von Sisi und ihrem Lebensumfeld ist dadurch in Ihnen entstanden? 08 Duve: Elisabeth war eine tieftraurige Frau, die unter ihrer Ehe litt und die an sie gestellten Rollenerwartungen nicht erfüllen wollte. Ihre Depressionen bekämpfte sie durch Extreme: extreme körperliche Anstrengungen wie 40-kmsortimenterbrief 9/22

karen duves großer sisi-roman Märsche, extreme Gefahren wie die englischen Parforcejagden, extremen Aufwand in der Schönheitspflege, extreme Disziplin, was ihre Diäten betraf, und extremen Fleiß, wenn sie etwas erlernte. Alles, was sie sich vornahm, sprengte den üblichen Rahmen. Je nachdem, wie es ihr gerade ging, konnte sie der netteste Mensch der Welt oder ein manipulatives und berechnendes Biest sein. Sie war intelligent und hätte das einsetzen können, um dringend notwendige soziale Verbesserungen in Österreich anzustoßen, aber ihr Ehrgeiz erschöpfte sich darin, Männer und Frauen in sich verliebt zu machen. Im Buch widmen Sie sich einem kurzen Ausschnitt aus ihrem Leben, Sisi ist mittlerweile 38 Jahre alt, ihre Ehe ist totgelaufen, sie entzieht sich immer mehr den Zwängen des Hofes, hadert aber auch mit ihrem Alter. In Gödöllö findet sie einen Rückzugsort, an dem sie ihrer Liebe für das Reiten nachgeht, im Kreise von Verehrer:innen, wie beispielsweise dem Rennreiter Bay Middleton und ihrer jungen Nichte Marie Wallersee, die sie in so manche Intrige verwickelt. Wie viel Realität ist in diesen Episoden und Geschehnissen enthalten? Duve: Bis auf wenige Freiheiten gebe ich die Ereignisse so wieder, wie ihre Hofdamen, ihre Verwandten und überhaupt alle Menschen, mit denen Elisabeth zu tun hatte, es überliefert haben. Mosaiksteinchen für Mosaiksteinchen habe ich die einzelnen Szenen zusammengetragen und aneinandergefügt. Das sind natürlich keine neutralen Berichte gewesen. Drei verschiedene Personen geben ein und dasselbe Ereignis manchmal auf drei verschiedene Arten wieder, und die Realität flackert dann irgendwo dazwischen auf. Einen weiteren Erzählstrang und Kontrapunkt bildet Kaiser Franz Josephs Affäre mit Anna Nahowski. Wie und warum haben Sie sich diesem Geschehen angenähert? Duve: Anna Nahowskis Tagebuch über ihr Verhältnis mit dem Kaiser hat mir sehr geholfen, Franz Joseph besser zu verstehen. Vor allem aber gehört Anna einer Gesellschaftsschicht an, die endlich einmal nichts mit dem Hochadel zu tun hat. Das bringt frischen Wind in die Handlung, auch eine neue Perspektive, und gibt mir Gelegenheit, vom Wien der einfachen Leute zu erzählen. Es gab ja schließlich noch ein Wien außerhalb der Hofburg. Karen Duve Sisi 416 Seiten, Hardcover, mit Schutzumschlag 978-3-86971-210-9, € 26,80 Galiani Berlin, ET: 22. September Sie haben sich in der Vergangenheit in verschiedenen Genres bewegt, vom dystopischen Roman bis hin zum politischen Pamphlet, und sich immer auch in gesellschaftliche Debatten eingemischt. Worin liegt für Sie der Reiz des historischen Romans? Duve: Im Rekonstruieren. Längst vergangene Tage wieder auferstehen zu lassen, indem ich sie so genau wie möglich ausleuchte und alles zusammenkratze, was sich davon noch irgendwo im Gedächtnis der Menschheit finden lässt. In der Spannung, was ich vorfinden werde. Ob ich überhaupt etwas finde, das ich verwenden kann. Das ist aufregend wie eine Schatzsuche. Als ich dieses Buch begann, kannte ich weder den Plot noch den Anfang und hatte eine sehr vage Vorstellung davon, wie es ausgehen sollte. Ich wusste bloß, dass es irgendwie um Pferde und um Kaiserin Elisabeth gehen sollte und darum, was Pferde ihr bedeutet haben. Im Grunde war ich nicht einmal sicher, ob sich daraus überhaupt ein Buch machen ließ. Haben Sie mit Blick auf den historischen Roman auch Schreibvorbilder? Duve: Ehrlich gesagt, lese ich Historienromane eher selten. Aber Hilary Mantel gefällt mir sehr. Was haben Sie für die Zukunft geplant? Was wünschen Sie sich für Ihr Schreiben? Duve: Ich plane nie langfristig. Irgendwann springt mich die nächste Idee an, und dann muss ich genau das machen. Da bleibt mir gar keine andere Wahl. Ich kann jedes Mal nur hoffen, dass ich nicht die Einzige bleibe, die sich für das neue Thema interessiert. Herzlichen Dank für das Gespräch! Karen Duve, 1961 in Hamburg geboren, lebt in der Märkischen Schweiz. Sie wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Ihre Romane Regenroman (1999), Dies ist kein Liebeslied (2002), Die entführte Prinzessin (2005) und Taxi (2008) waren Bestseller und sind in 14 Sprachen übersetzt. 2011 erschien ihr Selbstversuch Anständig essen, 2014 ihre Streitschrift Warum die Sache schiefgeht. Die Verfilmung ihres Romans Taxi kam 2015 in die Kinos. 2016 sorgte sie mit ihrem Roman Macht für Aufruhr und wurde mit dem Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor (2017) ausgezeichnet. Für ihren Roman Fräulein Nettes kurzer Sommer (2018) wurde Karen Duve mit dem Carl-Amery-Preis, dem Düsseldorfer Literaturpreis und dem Solothurner Literaturpreis ausgezeichnet. sortimenterbrief 9/22 09


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